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ZEITSCHLEIFEN

ZEITSCHLEIFEN

SABINE SCHOLL
Autorin
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SABINE SCHOLLMontag, 08.03.2021

Den neuen Roman von Deborah Levy wollte ich sofort lesen, nachdem ich erfahren hatte, dass sie darin mit einem Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart experimentiert. Und ja, die Wendungen in „Der Mann, der alles sah“ sind wirklich überraschend. Was wie eine gängige Romanhandlung einsetzt, wird im Laufe des Geschehens in Variationen wiederholt und durch neu hinzukommende Details ergänzt. So mäandert der Londoner Historiker Saul, um den sich alles dreht, durch sein Leben und durch Zeit und Raum.

Anfangs geben Jahreszahlen und Ortsbezeichnungen den Anschein von überprüfbaren historischen Gegebenheiten. Wir folgen dem Helden im Jahr 1988 auf eine Reise in die DDR, wo er zum kulturellen Widerstand gegen das Nazi-Regime forscht. Saul verliebt sich in seinen Übersetzer Walter, von dem er einmal zärtlich bemerkt, dass er immer schwach nach Braunkohle rieche. Diese Affäre ist die erste Überraschung, denn wir hatten Saul in London noch als Liebhaber von Fotografin Jennifer erlebt. Die zweite folgt, als Saul Walter plötzlich mitteilt, dass in einem Jahr die Mauer fallen und danach die deutsche Wiedervereinigung stattfinden werde. Wir staunen.

Dann wiederholt sich 30 Jahre später ein in der Anfangsszene geschilderter Unfall auf der berühmten Abbey Road, bei dem Saul vor seiner Abreise 1988 noch glimpflich davongekommen war. Diesmal bringt ihn der Verkehrsunfall ins Krankenhaus. Die Überblendungen von Gegenwart und Vergangenheit häufen sich ab nun. Die Referenzgröße zu diesen Vorgängen bildet eine Fotografie, welche die verflossene Geliebte Jennifer von Saul 1988 angefertigt hat, in der er – wie damals die Beatles – die Abbey Road überquert. Jennifer zerschneidet das Foto und klebt die Fragmente mit Abständen zusammen, ihr Meisterwerk. Es ist, als würde das zerstückelte Foto auch Sauls Leben zerstückeln. So verfährt auch Levy mit Elementen und Motiven dieser Erzählung. Dies geschieht nicht allein aus Lust am Experiment, sondern der Autorin geht es darum, Prozesse der Erinnerung zu verdeutlichen, deren Bilder ebenfalls nie chronologisch aufscheinen.

In Sauls Bewusstsein vermengen sich nicht nur Zeiten, sondern auch Räume und Personen. Im behandelnden Arzt will er einen ostdeutschen Fluchthelfer erkennen. Der Fahrer des Unfallautos erscheint ihm als Vorgesetzter seines Geliebten Walter. Jennifer nimmt er gleichzeitig sowohl als junge, als auch als gealterte, neben seinem Krankenbett sitzende Frau wahr. Sogar sein Vater, dessen Asche Saul in der DDR bereits begraben wollte, taucht lebendig wieder auf. Anscheinend kann der Patient sich nicht von Erinnerungen an den damaligen Aufenthalt in Ostberlin kurz vor der Wende lösen. Die Zeitschleifen erinnern an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem bloß ein einziger Tag in Variationen durchgespielt wird. In Levys Roman ist es die Zeitspanne, beginnend mit dem Verkehrsunfall auf der Abbey Road 1988 bis zu seiner überstürzten Rückkehr aus der DDR, die Saul unablässig durcharbeitet.

Das Schmerzmittel, das er im Krankenhaus erhält, kann nicht der einzige Grund für seine Wahrnehmungsstörungen sein, falls es überhaupt Störungen sind. Möglicherweise geht es auch darum, dass er dem Tode nahe ist, deshalb sein Leben und seine Beziehungen zu geliebten Menschen ordnen will. Denn über das Krankenhausbett hinaus führt kein einziger Handlungsstrang. Unvorhergesehene Begebenheiten und damit eine spannende Leseerfahrung bietet Autorin Deborah Levy in diesem Roman bis zum Schluss.

Deborah Levy: Der Mann, der alles sah, Kampa Verlag, Berlin 2020

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