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Underground Railroad: UNHEIMLICH

Underground Railroad: UNHEIMLICH

SABINE SCHOLL
Autorin
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SABINE SCHOLLDonnerstag, 27.05.2021

Von Südstaaten-Kitschbildern in Vom Winde verweht bis zu Colson Whiteheads Roman Underground Railroad war es langer Weg. Die Verfilmung des Romans durch Regisseur Barry Jenkins, an dessen Drehbuch auch Whitehead mitgearbeitet hat, führt noch um einiges tiefer in das dunkle Kapitel der Sklaverei in Nordamerika als die literarische Vorlage. Dunkelheit spielt eine entscheidende Rolle in der filmischen Erzählung: Nachtaufnahmen, schlecht beleuchtete Räume, enge Verstecke, Höhlen vermitteln ein Gefühl von Klaustrophobie und Beklemmung. Lichter werden spärlich gesetzt, als Glühwürmchen, Leuchtpunkte, Flämmchen. Nur in den Schwarzen, freundlich gesinnten Gegenden gibt es Sonnenschein, Farbe und Tageslicht.

Die Grundidee des Romans war an sich schon genial: Während in der historischen Wirklichkeit die unterirdische Eisenbahn als Metapher diente, um geheime Aktivitäten zur Rettung von Sklaven zu kaschieren, setzt Whitehead sie tatsächlich als handelndes Element. Helfer wurden damals als Lokführer bezeichnet, die Verstecke als Bahnhöfe, entflohene Sklaven waren Passagiere oder Fracht, eine Gelegenheit zur Flucht war eine Fahrkarte, usf.

Durch die atemberaubenden Bilder in Underground Railroad wurde mir auch endlich die Bedeutung der Southern Gothic klar. Weil so viel tödliche Gefahr herrschte, weil das Trauma sich tief in die Landschaft gegraben hatte, weil darüber wenig deutlich gesprochen wurde, konzentrierte sich die grausige Vergangenheit in unheimlichen Mythen, Wiedergängern und Gespenstern. Möglicherweise rührt sogar die Besessenheit von Horror in der amerikanischen Unterhaltungskultur von der Verdrängung eines Menschheitsverbrechens her, das im Grunde nie endete. Nur auf legaler Ebene wurde Diskriminierung aufgehoben. Die Strukturen änderten sich wenig. Die Bilder des Intros zur Serie zeigen denn auch Widersprüchliches: Fallende Körper, die in Schwebe bleiben, Aufnahmen von Fliehenden, die zurückgespult und damit aufgehalten werden. Auch der Entzug von Licht, das düstere Halbwahrgenommene belässt einiges im Unklaren. Besonders beeindruckend ist der Einsatz von lebenden Bildern. Wenn die Kamera verlangsamt, die Einstellung zwar nicht einfriert, aber eine Figur umkreist und in verschiedenen Perspektiven etwa auf einen Sterbenden hält. Das Spiel mit Erwartungen und Zeitmaß macht derartige Szenen nahezu unerträglich.

Dazu kommt ein Soundtrack, der nicht illustriert, sondern eine eigene Geschichte erzählt. Oft sind die Geräuschcollagen eindringlicher als das Blut und die geschundenen Körper, die Schreie, bei denen ich ohnehin wegschauen und -hören muss, weil ich es nicht aushalte.

Etwas schwächer gerät die Episode, in der die Figur des Sklavenjägers Raum erhält, seine Vorgeschichte und damit seine Motivation in einem endlosen Monolog zu erklären. Großartig ist hingegen die Ausdruckskraft von Hauptfigur Cora, gespielt von Thuso Mbedu, die vor allem ihre Körperspannung einsetzt, um Herrschaftsverhältnisse zu verdeutlichen: In Ketten, gebeugt, gesenkten Blicks ihre Bestimmung als Gegenstand stumm ertragend. Dann wiederum rebelliert sie, rennt, sitzt aufrecht, sobald sie befreit ist und nippt nachdenklich an einem Kristallglas mit Wein.

Ich wünschte, es hätte dieses Buch schon gegeben, als ich noch in Chicago wohnte. Aber es braucht wohl jede Phase der Bearbeitung von kollektiven Traumata seine Zeit. Bei der Verfilmung der die Sklaverei beschönigenden Schmonzette Vom Winde verweht, galt es schon als Fortschritt, dass eine Schwarze Schauspielerin einen Oscar für ihre Nebenrolle als Hausmädchen gewonnen hatte. Sie durfte aber nicht zusammen mit anderen Nominierten an der Zeremonie teilnehmen, sondern musste an einem separierten Tisch im Hintergrund sitzen. Jetzt ist eben die Zeit für Underground Railroad. Buch und Serie können gut nebeneinander bestehen. 

Colson Whitehead: Underground Railroad, Hanser-Verlag, 2017

Serie: Amazon

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