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Literatenfunk

LIEBE UND SORGE AUF ABRUF

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Dienstag, 05.02.2019

LIEBE UND SORGE AUF ABRUF

Kein Wunder, dass Leila Slimanis' Roman Dann schlaf auch du über ein mörderisches Kindermädchen in Frankreich zum Bestseller wurde. Denn die Vereinbarkeit von Kind und Karriere wird dort in bürgerlichen Kreisen meist durch eine sogenannte Nounou garantiert. Allein die Übersetzung der Bezeichnung ins Deutsche zeigt, dass das System auf Verhältnisse hierzulande nicht einfach übertragbar ist: Tagesmutter, Kindermädchen, Amme sind Berufe mit jeweils verschiedenen Schwerpunkten. In Frankreich übernimmt eine Nounou Kinder und Haushalt, wird zur allzeit präsenten Ersatzmutter, während die biologische Mutter ihrem Beruf nachgeht. Wenn abends die Eltern von ihren anstrengenden Jobs nach Hause kommen, sind die Kleinen gewaschen, gefüttert und im Pyjama. Kein Geschrei, keine Flecken, kein Windelwechseln, die unangenehmen Seiten des Kinderhabens werden von einer bezahlten Kraft abgefangen. Meist sind es Migrantinnen, oft aus ehemaligen französischen Kolonien, wodurch sich das Abhängigkeitsverhältnis um eine weitere Ebene akzentuiert.

Im Zentrum des Romans stehen Louise, die mit den Schulden ihres verstorbenen Ehemanns belastet ist, und die erfolgreiche Anwältin Myriam. Bei der Erziehung ihrer eigenen Tochter hat Louise versagt, daher sind ihr die Ziehkinder besonders wichtig. Die Kinderfrau wird als gepflegt, puppenhaft, hingebungsvoll, körperlos und damit weitgehend unsichtbar geschildert. Indem sie sich und ihre Bedürfnisse verleugnet, kann sie besser dienen und sich an die Familie der Arbeitgeber anpassen. Augenhöhe kann sie trotzdem nicht erreichen, auch wenn Myriam sie für Momente pflichtgemäß – man will doch ein guter Mensch sein – aus der Dienstbarkeit reißt. Sogar im Urlaub muss Louise dafür sorgen, dass die Eltern ihr Leben genießen können. Das Dilemma besteht darin, dass die Nounou den Alltag der Kinder und den Haushalt erledigt, ihnen ihre Fürsorge und Liebe geben soll, aber auch nicht in Konkurrenz zu den Eltern geraten darf. Der Erfolg der Arbeit dienstbarer Geister besteht darin, dass sie spurenlos bleibt, wie Myriam einmal bemerkt, als sie einen Ersatz engagieren muss, und abends die Wohnung voll schmutzigem Geschirr, verstreuten Spielsachen und dreckigen Kleidungsstücken vorfindet.

Slimani schildert die Misere der Sorgearbeit in einem System, das auf Karriere und Kindern beharrt, dessen Funktionieren jedoch auf den Schultern von Menschen lastet, die völlig abhängig von ihren Arbeitgebern bleiben (oft wird die Nounou auch schwarz engagiert).

Und es ist bloß eine Frage der Zeit und der Umstände, bis sich die Verhältnisse umzukehren beginnen. Denn wie privat ist das Private, wenn es um Kinderbetreuung, Pflege und gekaufte Liebe geht?

Die Autorin spricht mit dieser Geschichte die Ängste und das schlechte Gewissen jeder französischen Mutter an, die ihre Kinder einer Nounou anvertraut. Und das sind viele, verglichen mit Deutschland, wo dieses System selten anzutreffen ist. Lange Karenzzeiten gibt es in Frankreich nicht.

Slimani erzählt spannend, protokollarisch, meist aus Louises Perspektive. Die Eltern der Kinder erscheinen wie Figuren in einem abgekarteten Spiel, dessen Regeln keiner ändern kann. Ihre zerstörerische Macht entdeckt Louise schließlich auch nicht als emanzipatorischen Akt, sondern als ins Spiel Verstrickte. Die Perspektive der Kinder bleibt weitgehend ausgespart. Myriams Ehemann scheint von den Betreuungsproblemen wenig behelligt. Kinder sind schließlich Frauensache. Louise tötet die ihr Anvertrauten, weil sie die Kinder nicht mehr missen will. Die Nounou kann die Kleinen ja nur auf Zeit betreuen und muss, sobald sie größer werden, mit dem Lieben und Sorgen auf Abruf aufhören. Das Dilemma bleibt ungelöst, wie auch die latente Unsicherheit in einem Arrangement, das zu Lasten von Unterprivilegierten geht. Die unangenehme Selbstverständlichkeit, mit der die Benachteiligung anderer für das eigene Fortkommen in Anspruch genommen wird, bleibt. 

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