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Literatenfunk

EUROPARATLOS

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Mittwoch, 17.04.2019

EUROPARATLOS

Wirkungstechnisch betrachtet hat Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ einiges erreicht. Sollten alle, die das Buch kaufen, es auch lesen, würden sich viele mit Interna der Europäischen Union beschäftigen und darüber nachsinnen, ob es noch einen Versuch wert ist, das fragile und undurchsichtig gewordene Gebilde zu retten.

Tatsächlich lesen wir im Roman viel über den Handel mit Schweinen und lernen mehr oder weniger frustrierte EU-Beamte kennen. Sympathieträger sind das keine. Am liebevollsten wird noch der Holocaust-Überlebende De Vriend gezeichnet. Auch ein hochkatholischer polnischer Mörder wird vom Autor mit einfühlsamen Passagen bedacht. Als Sprachrohr schonungsloser Kritik setzt Menasse einen externer Berater, der in seiner Abschiedsrede den Bruch mit Brüssel und eine Neusetzung des Projekts Europa mit Auschwitz als Hauptstadt propagiert. Denn die äußerste Ausprägung des Unmenschentums habe nach dem Krieg zur Einigung der europäischen Nationen unter der Ägide der Vernunft geführt. Brüssel als Zentrum der EU sei dabei nur eine Verlegenheitslösung.

Kurz nach Erscheinen des Buchs gab es einen kleinen Skandal, der sich leider nicht konkret mit dieser These auseinandersetzte, sondern mit dem Zitat einer Rede, das dem Autor als Verfälschung historischer Tatsachen vorgeworfen wurde. Dieses nimmt jedoch nicht einmal einen Absatz des umfangreichen Romans ein und ist, was den Gang der Erzählung betrifft, von geringer Bedeutung. In der Aufregung darum ging Menasses Idee von einem Neustart der EU völlig unter, so als wäre „Auschwitz“ mit der Abmahnung des Autors bereits durchdiskutiert.

Es ist überhaupt immer wieder erstaunlich, wie ein Roman rüberkommt, wenn man nur die Kritiken und die Diskussionen dazu liest. So hatte ich tatsächlich anderes von diesem Buch erwartet, als das, was ich jetzt bei der Lektüre wahrnehmen konnte. Da ich den Autor als engagierten Fürsprecher der EU kenne, der sich dafür einsetzt, den Nationengedanken ein für alle Mal zu überwinden, da er bislang viel Interessantes zum Thema in Form von Essays, Diskussionen, Interviews geliefert hatte, rechnete ich mit ungeahnten Einblicken in das komplizierte und anscheinend korrumpierte Gebilde. Jedenfalls erwartete ich eigentlich positiv Gestimmtes.

Die überzeichneten Gestalten aber, seien es höhere oder mittlere Beamte oder deren Assistenten, die einem im Roman begegnen, sind meist Karrieristen, denen die europäische Idee völlig am Arsch vorbeigeht. Die Idealisten haben längst aufgegeben. Die Gründer sind entweder gestorben oder dement. Holocaustüberlebende werden nur mehr verwaltet.

Lustigere Momente der Geschichte, wie das wiederholte Auftauchen eines frei laufenden Schweins, überdecken die Traurigkeit des Ganzen eigentlich nicht.

Das Motiv der großen Feier ist dem Musil-Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ entlehnt. Dort sollte die K&K-Monarchie hochleben, hier ist es die Europäische Union. Dort brach der Erste Weltkrieg aus, der Kaiser starb. Hier scheitert das Jubiläumsprojekt an den Fallstricken der Bürokratie, an denen sich gewiefte Funktionäre von Posten zu Posten immer höher hangeln. Gegen Ende zerfließt auch der Roman recht ergebnislos. Angedeutete Verschwörungstheorien mit dem Vatikan als Zentrum werden nicht weitergeführt. Der Kommissar, der einen Mord aufklären sollte, kümmert sich danach um seine Gesundheit. Und der Mörder kehrt unbehelligt zurück in den Schoß der Kirche. So bekräftigt der Roman eine allseits bekannte Europaratlosigkeit. Für diejenigen, die keine Essays lesen mögen, enthält das Buch einige brauchbare Einsichten zur EU, die der Autor vor Ort recherchiert hat. Mir sind die enthusiastischen Essays von Robert Menasse lieber, weil sich in ihnen Stil und Aussage entsprechen. Die Sprache des Romans und seine Erzähltechnik jedoch haben mich nicht ausreichend überzeugt.

8,6
5 Stimmen
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