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Fundstücke

Seltsame Schönheit: Bauruinen als politisch-ästhetische Denkmäler

Michael Hirsch
Philosoph und Politikwissenschaftler, freier Autor und Dozent
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Michael HirschDonnerstag, 20.05.2021

Dieser Tage, wo die im letzten Jahr ausgefallene Architekturbiennale in Venedig eröffnet wird, fiel mir ein vor längerer Zeit publizierter Zeitungsbeitrag in die Hände, der eine erstaunliche visuelle Geschichte aus Italien erzählt: Die Künstlergruppe Alterazioni Video stellte erstmals bei der Manifesta 2018 in Palermo ihr Projekt "Incompiuto" vor. Dort in dem Begleitbuch "Incompiuto. La Nascita di uno Stile" (Unvollendet. Die Geburt eines Stils) werden eine ganze Reihe von fantastischen Beispielen für Bauruinen in Italien aus den letzten Jahrzehnten präsentiert.

Das Faszinierende und Irritierende an dieser Geschichte und an diesen Bildern ist, dass sich eben nicht nur die obligatorische moralische Empörung über "typisch italienische" Misswirtschaft, Betrug, Verschwendung von Steuergeldern und Korruption einstellt. Sondern auch ein ästhetisch faszinierender Eindruck der Schönheit von Bauwerken, die bereits während ihres Geschehens zu Ruinen wurden und wie antike Baudenkmäler und Ausgrabungen aus einer fernen Zeit erscheinen. Der kokette Name "La Nascita di uno Stile" stellt die kühne Behauptung auf, dass in diesen Bauruinen Italien zu einem genuinen nationalen Stil gefunden hat. Ähnlich monumental wie der neoklassische und faschistische Stil des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, aber viel gebrochener, melancholischer und ästhetisch reizvoller.

Die Ruinen erscheinen wie Monumente einer möglichen Postwachstums-Zukunft, wie Zeichen eines möglichen Rückbaus der entfesselten Industriemoderne, die lange Zeit daran glaubte, und insgeheim immer noch daran glaubt, dass Fortschritt vor allem das energieintensive Verbauen von Beton und Asphalt meint.

Man kann die Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Als Anklage gegen die Verschwendung von Steuergeldern - für die 700 dokumentierten Ruinen wurden fast 7,4 Milliarden Euro ausgegeben. Als Kritik an der Verschandelung von schönen Landschaften - 2200 Hektar wurden dafür verbaut. Oder als Brechen eines Tabus - über Jahrzehnte hatte sich niemand um diese Bauten und die Hintergründe ihrer Nichtvollendung gekümmert.

Der Artikel erzählt von irritierenden Beispielen und Anekdoten, Momenten großer poetischer Freiheit und Schönheit. Die Künstler

sprechen von einem eigenen italienischen Baustil und erkennen die Ruinen als "künstlerisch-kulturelles Erbe an", das ebenso wertvoll wie andere historische Sehenswürdigkeiten sei. Dahinter steckt nicht nur Ironie: In der Kleinstadt Giarre auf Sizilien, mit neun unvollendeten öffentlichen Bauten die Hauptstadt der Unvollendeten, organisierte die Künstlergruppe im halb fertigen Polo-Stadion mit den zu steilen Zuschauertribünen ein umjubeltes Turnier mit Reitern auf Steckenpferden. Die Bewohner kamen in schicker Abendgarderobe und staunten über ein Bauwerk, das sie vorher nie betreten hatten. Das Ziel: Den Menschen die Hoheit über den öffentlichen Raum zurückgeben.

So wird das Projekt zu einem schönen Anschauungsbeispiel für die kreative Macht der Umnutzung öffentlichen Raums.

In Accadia in Apulien treffen sie den Bürgermeister, der sie durch ein unvollendetes Gefängnis führt. Er vertraut ihnen an, dass er hier künftig die Disco Sing Sing errichten will. Die Künstler umarmen ihn. "Es ist das erste Mal, dass ein lokaler Verantwortlicher vor uns steht, dessen Blick über die allgemeine Entrüstung und Scham hinausgeht."


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