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Zukunft und Arbeit

Superbowl, Hip-Hop und die Zukunft der Arbeit

Anja C. Wagner
Bildungsquerulantin
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Anja C. WagnerMontag, 14.02.2022

Jetzt muss die Alte auch noch über Hip-Hop während der Superbowl-Show 2022 schreiben und dies im Kanal Zukunft und Arbeit (und Bildung) unterbringen. Was, bitteschön, hat das eine mit dem anderen gemein? Vieles – und im Kern fast alles.

Aber beginnen wir von vorne. Oder hinten, je nachdem, wie man schaut. Hier ein ganz kurzer Wrap-up für alle Nicht-Eingeweihten:

  • Superbowl ist die größte Sportveranstaltung in den USA, ein Fest für die ganze Familie an einem Sonntagabend im Februar.
  • Es handelt sich um das alljährliche Finale der US-amerikanischen American-Football-Profiliga, die National Football League (NFL).
  • Am 13.02.2022 spielten die (überraschend ins Finale vorgestoßenen Underdogs) Cincinnatti Bengals gegen die Heimmannschaft Los Angeles Rams (Rams gewannen spektakulär und Hollywood-gemäß – hier sehr schön beschrieben).
  • 100 Mio. Zuschauer*innen verfolgten das Spektakel an ihren Monitoren alleine in Amiland, 800 Mio. weltweit.
  • $200.000 kostete die Werbesekunde während des Events. Die gezeigten Werbeclips sind oft legendär.
  • In der Halbzeit findet traditionell ein großes Musikspektakel statt.
  • Die NFL kämpft seit Jahren gegen Rassismus-Vorwürfe: 
    • 70 % der Spieler sind Athleten of Color, aber der Besitzer- und Trainerstab der Mannschaften ist deutlich von Herrschaftsweißen geprägt.
    • Der NFL-Quarterback Colin Kaepernick sank 2016 bei der Nationalhymne aus Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung auf die Knie, wurde daraufhin gekündigt – und nie wieder von irgendeinem NFL-Verein verpflichtet, trotz seiner sportlichen Klasse.
    • Seit 2018 ist der Kniefall als Symbol des Widerstandes im Stadion verboten.
  • Seit 2020 arbeitet die NFL mit Jay-Zs Unternehmen Roc Nation zusammen, auch um den Rassismus-Vorwürfen zu begegnen und beliebte Musiker:innen auf den Bühnen der Superbowl-Halbzeit präsentieren zu können.
Vor diesem Hintergrund spielt sich also die diesjährige Halbzeit-Show ab, in der Jay-Z seinen Kumpel Dr. Dre die Viertelstunde gestalten lässt, der sich 5 Hip-Hop-Künstler:innen an die Seite nimmt und damit seiner Heimatstadt Los Angeles Tribut zollt. Sie bauen in kürzester Zeit eine Ladenstraße mit Straßenambiente, Autos und zig Tänzer:innen auf, die das Stadion in eine quirlige Metropole verwandeln. Und dann legen sie eine 15-Minuten-Performance hin, die sich gewaschen hat. Oder um es mit den Worten von Dr. Dre zur Ankündigung der Show zu sagen:
Ich glaube, wir werden einen fantastischen Job machen. Wir werden es so groß machen, dass sie uns in Zukunft nicht mehr verleugnen können.  

Um diese, ich würde sagen "historische Zäsur" zu begreifen und in den Kontext zu setzen:

Hip-Hop ist nicht nur ein Musikstil, sondern Teil eines Lebensgefühls, flankiert von einer spezifischen Modekultur und Ästhetik, die sich z. B. auch in Streetart und Graffiti als Widerstandskultur widerspiegelt und von spießigen Traditionalist:innen eher abgelehnt wird. Es ist eine Bewegung, die größtenteils aus den Ghettos kommt, sich gegen eigene soziale Ausgrenzungen zur Wehr setzt und dem einen eigenen Habitus (auch gewalttätig) entgegensetzt. Über die Jahre hat sich so aus einer Subkultur eine eigene Wirtschaftskultur entwickelt, von eigenen Radiosendern und Podcast-Studios, über das gesamte Musikbusiness bis hin zur Bekleidungs- und Schuhkultur etc. 

Kaum jemand in den westlichen Gesellschaften ist von dieser Entwicklung unberührt. Hip-Hop ist längst im Mainstream angekommen: Sneakers und Jogginghosen im Alltag, Baseball-Caps und große Kopfhörer prägten schon vor Corona das Straßenbild der Freizeit. Schauen wir uns Bekleidungen der aktuellen Neuzeit an, dann setzen sich diese dank Zoom aus formalen Zwängen im öffentlichen Sichtfeld am Oberkörper und legerer Sportbekleidung unterhalb des Kamerabildes zusammen. Und es ist völlig legitim, sich so zu zeigen und zu dieser Ambivalenz zu stehen. Ich denke, die Hip-Hop-Kultur hat uns hier die Tür geöffnet.

Und so schwingen sich also diese 6 Künstler:innen während ihrer Show in einer ungemein abwechslungsreichen, stimmungsvollen Straßenszenerie in die Herzen des Publikums, zeigen ihre Professionalität in einer atemraubenden Perfektion und Lebensfreude, die gleichzeitig suggeriert: Wir waren schon immer da und demonstrieren euch in einem Überfluss, wie solch ein Pausen-Happening ausschauen kann. Es ist ein Statement gleichermaßen wie ein Musik- wie Bühnenspektakel. Zwar bei vermeintlichen Andeutungen zur Widerstandskultur in Nuancen abgestimmt mit einem rigorosen NFL-Management, aber in mühsamen Kompromissen ausgehandelt. So mündet der Song des einzigen weißen Rappers (Eminem) im Kniefall, der an Kaepernick erinnert, aber nicht 100%ig identisch ist. Während andere Wünsche der NFL einfach ignoriert wurden. Schließlich hatte Dr. Dre die Produktion selbst finanziert.

Was also nun? Wollen wir uns weiter ausschließlich über die pubertären, sexistischen und gewaltverherrlichenden Texte der Hip-Hop-Frühzeiten aufregen? Oder anerkennen, dass hier eine breite Schicht aus ehemaligen Underdogs eine finanziell tragfähige Gegenkultur etabliert hat, von der viele leben können. Und die zudem Spaß macht und uns alle regelmäßig hinterfragen lässt, warum wir uns in enge Businessoutfits pressen, wenn wir doch alle eigentlich viel freier und legerer leben wollen.

Deshalb schreibe ich hier über Hip-Hop und seinen Beitrag zur Zukunft der Arbeit und der Bildung. Wir können viel von ihm lernen. Nicht nur sind die Haupt-Protagonisten des spektakulärsten Superbowl-Halbzeit-Events aller Zeiten meines Alters und gedenken nicht aufzuhören (haha). Sie haben zudem über die Jahre eine wirtschaftliche Struktur auf der Basis ihrer "Passion" aufgebaut, die sich zum erfolgreichsten Kulturstil unserer Zeit gemausert hatte. Und auf dem andere Nachwuchskünstler:innen aufsetzen können. Unter anderem davon berichtet der hinterlegte Artikel.  

Es war also einerseits gewagt seitens der NFL, diese Kultur zur besten Sendezeit über die TV-Kanäle in die Familienwohnzimmer zu streamen und damit anzuerkennen, dass Hip-Hop nun mal ein ausgesprochen erfolgreiches Netzwerk an modernen Künstler:innen in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hat. Auf der anderen Seite war dies ein Zeichen, dass sich die gesellschaftlich herrschende Kultur in den westlichen Gesellschaften bereits radikal verändert hat – und die Kultur der Schlipsträger und Kostümchen-Träger:innen sich auf dem Rückzug befinden. Ich finde: Zum Glück! 

Und mir kommt der ikonische Think Different Apple Werbespot in den Sinn:

"Auf die Verrückten. Die Außenseiter. Die Rebellen. Die Störenfriede. Die runden Nägel in den eckigen Löchern. Diejenigen, die die Dinge anders sehen. Sie mögen keine Regeln, und sie haben keinen Respekt vor dem Status quo. Man kann sie zitieren, ihnen widersprechen, sie verherrlichen oder verteufeln. Aber das Einzige, was man nicht tun kann, ist sie zu ignorieren. Denn sie verändern die Dinge. Sie treiben die menschliche Rasse voran. Und während manche sie als die Verrückten ansehen, sehen wir in ihnen Genies. Denn die Menschen, die verrückt genug sind zu glauben, dass sie die Welt verändern können, sind diejenigen, die es tun." -Steve Jobs, 1997

Beharrlichkeit zahlt sich also aus. Lassen wir abschließend noch einmal Dr. Dre sprechen:  

"Es ist verrückt, dass es so lange gedauert hat, bis wir anerkannt wurden", sagte Dre vor der Show. 
Es war ein Statement! Und wer es noch nicht gesehen hat: Es lohnt sich!
Superbowl, Hip-Hop und die Zukunft der Arbeit

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