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Literatur

Lehrjahre

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelSonntag, 12.12.2021

Seit einiger Zeit schon dürfen auf dem Nachttisch keine Aufreger mehr rumliegen. Der Nachttisch steht (logischerweise) neben dem Bett, in der Schreibwohnung. Wenn ich in der Schreibwohnung übernachte, wird es meistens spät. Wegen Sport und/oder Schreiben. Nach dem Sport und/oder Schreiben schaue ich noch eine Folge Sopranos (DVD) zum Runterkommen. Und brauch dann wiederum zum Runterkommen von den Sopranos nach dem Zähneputzen etwas absolut Unaufgeregtes, im besten Sinne Leichtes, Lebensbejahendes zum Lesen und endlich: Einschlafen.

So liegt momentan auf dem Nachttisch-Bücherstapel ganz oben Ronald Rengs Der große Traum - Drei Jungs wollen in die Bundesliga (Piper). Davor behielt diesen Platz wochenlang die schöne Graphic Novel Lehrjahre von Guy Delisle besetzt (Aus dem Französischen von Heike Drescher, Handlettering: Olav Korth, Reprodukt).

Guye Delisle ist ein grundsympathischer Erzähler von subtilen Alltagsbeobachtungen, die er in einem leicht naiv-primitiven, aber niemals seichten (oder gar "niedlichen") Stil zeichnet. Diese Alltagsbeobachtungen finden bevorzugt in einer mehr oder weniger exotischen Fremde statt, an Orten wie Pjöngjang, Jerusalem oder Shenzhen, wo der Autor jeweils längere Zeit gelebt hat. Vielleicht erinnern sie mich deswegen immer ein bisschen an Jochen Schmidt (der Delisle auch schon übersetzt hat). Zum ersten Mal besprochen habe ich Delisle im Literatenfunk ca. 2017, das Buch hieß Geisel und handelte dokumentarisch von der Entführung eines Human-Rights-Aktivisten.

In Lehrjahre widmet sich Delisle nun nicht mehr dem Ausland im Ausland, sondern dem Ausland der eigenen Vergangenheit ("The past is a foreign country, they do things differently there", LP Hartley: The Go-Between). Es geht um die Zeit, in der er als junger Student in einer gigantischen Papierfabrik einen Nachtschicht-Job hatte (s. a. die schöne Rezension im Tagesspiegel, unten verlinkt). Interessanterweise reicht bei Delisle jedoch die eigene Jugend als Erzählstoff nicht ganz an seine späteren Auslands-Jobs heran. Sie ist (auch hier wieder: im besten Sinne:) ein wenig monoton und langweilig und eignet sich wie gesagt hervorragend zum Lesen von ein paar Seiten zum Einschlafen (um dann hoffentlich genau so unaufgeregt von der eigenen monotonen Jugend träumen zu können).


Tagsüber jedoch - Stichwort "Lehrjahre" - bin ich mit meiner vor einem Jahr begonnenen (und hier zuletzt reportierten) Lektüre von Gustave Flauberts Lehrjahren der Männlichkeit passend zum 200. Geburtstag des großen Franzosen inzwischen auf Seite 300 angekommen. (- Quick note dazu: Es handelt sich um ein sogenanntes schreibbegleitendes Langzeit-Leseprojekt, das Lesetempo korrespondiert auf das Synchronste mit meinem eigenen Schreibtempo.)

Allerdings geht bei Flauberts Anti-Helden Frédéric Moreau im zweiten Roman-Teil gerade mächtig die Post ab: Der emotional versnobte Slacker aus dem Paris des 19. Jahrhunderts verausgabt sich in seinen Liebschaften zu Madame Arnoux und der Lorette Rosanette, muss sich parallel mit zahlreichen Nebenbuhlern herumschlagen. So kommt es immer wieder zu großartig verdichteten Action-Szenen der Weltliteratur (Duelle, Ohnmachtsanfälle), die von Elisabeth Edl noch großartiger kommentiert werden.

Imponierend für jeden Autor allein schon der Recherche-Aufwand, den Flaubert in Edls Anmerkungen betreibt, um beispielsweise 1867 an eine Speisekarte aus dem Café Anglais aus dem Jahre 1847 zu kommen. Oder wie er sich im Jockey-Club auf dem Marsfeld die Pferderennsport-Szene und deren spezielle Lingo draufschafft. Oder einen befreundeten Maler brieflich um Rat fragt, wie man "einen Tizian malt", beziehungsweise genau daran scheitert (im Roman Pellerin an einem Portrait der "Marschallin" Rosanette):

Erinnern Sie sich, Sie haben mir ausgezeichnete Erläuterungen geliefert über die Ängste, die ein Maler und Ästhetikant verspürt beim Anfertigen eines Porträts? Ich habe sie mir zunutze gemacht, so gut ich konnte. Was ich aber jetzt bräuchte, ist, dass Sie mir in Fachausdrücken die Beschreibung der schlechten Eigenschaften dieses Porträts geben (...) Wie schaut das Bild aus. Ich weiß genau, warum es schlecht ist, aber ich weiß nicht wie. Ich möchte, dass der Leser es sieht, dass er die Malerei ein wenig berühren kann.

Nach langer Korrespondenz hat Flaubert viele Vorschläge des befreundeten Malers (Johanny Maisiat, 1824-1910, weiß Edl) übernommen und mit "unsäglicher Mühe" zu folgendem Absatz im Originalroman verdichtet (L.d.M., Seite 294):

Anfangs hatte er beabsichtigt, einen Tizian zu malen. Doch allmählich hatte ihn das reiche Kolorit seines Modells verzaubert; und beherzt hatte er losgelegt, Farbtupfer auf Farbtupfer gesetzt und Licht auf Licht. Rosanette war zunächst begeistert; ihre Rendezvous mit Delmar hatten die Sitzungen unterbrochen und Pellerin alle Zeit gegeben, sich blenden zu lassen. Dann war die Bewunderung abgeflaut, und er hatte sich gefragt, mangelte es seinem Werk nicht an Größe? Er hatte sich noch einmal die Tizians angeschaut, begriff den Unterschied, erkannte seinen Fehler; und er war darangegangen, einfach nur seine Konturen zu überarbeiten. Anschließend hatte er sich bemüht, sie zu verwischen und dadurch die Töne des Kopfes und der Hintergründe in ihnen aufzulösen, in ihnen zu verschmelzen; und die Gestalt hatte an Konsistenz gewonnen, die Schatten an Kraft, alles wirkte fester. Schließlich war die Marschallin wiedergekommen. Sie hatte sich sogar Einwände erlaubt; der Künstler blieb natürlich standhaft. Nach heftigen Wutausbrüchen gegen ihre Dummheit hatte er sich gesagt, dass sie recht haben mochte. Damit begann die Zeit des Zweifel, des hin und her schwankenden Grübelns, von dem man Magenkrämpfe bekommt, schlaflose Nächte, Fieber, Ekel vor sich selbst; er hatte den Mut aufgebracht, Änderungen vorzunehmen, freilich ohne Lust und Liebe und mit dem Gefühl, seine Arbeit sei schlecht.

Wenn hier nicht aufs Schönste Bad Drawing mit Bad Writing (und Reading!) zusammenfallen und sich der Kreis zu Guy Delisle schließt, der in seinen Graphic Novels noch nie Gefahr lief, an einem Tizian zu scheitern.




Lehrjahre

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Kommentare 2
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 8 Monaten

    Ergänzend sei dieses prägnante Interview mit Elisabeth Edl empfohlen, die auch die LEHRJAHRE DER MÄNNLICHKEIT übersetzte.
    https://www.deutschlan...

    1. Andreas Merkel
      Andreas Merkel · vor 8 Monaten

      Guter Hinweis. Schönes Interview mit La Edl heute auch noch hier im Standard:
      https://www.derstandar...

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