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Zeit und Geschichte

Unpiq: Russland verlässt Europa - Trenin zeichnet eine neue Welt

Achim Engelberg
Dr. phil.
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Achim EngelbergMittwoch, 15.06.2022

Solange der Krieg tobt und wüted, um so deutlicher wird, dass Russland eine neue Weltordnung erzwingen will und auf neue Verbündete hofft.

Dimitry Y. Trenin, der aus dem Militär kommt und einer der führenden russischen Experten für Außenpolitik ist, skizziert diese neue Unordnung in einem augenöffnenden und erschreckenden Vortrag auf der 30. Jahrestagung des Rates für Aussen- und Verteidigungspolitik.

Der mit der Macht verflochtene Intellektuelle geht von einer langen, aber letzlich doch erfolgreichen "Operation" aus, die Russland eine neue Stellung in einer neuen Weltkonstellation ermöglichen soll.

Ich rate zur Lektüre der offiziellen englischen Übersetzung, auf Deutsch ausgewählte Stichpunkte:

Trenin sieht keine Chancen für einen ernsthaften Dialog mit dem Westen, speziell mit den USA. Diese haben für ihn den Pfad der Vernunft verlassen.

Deshalb braucht Russland klare Ziele und eine damit verbundene Strategie. Das wird auch gravierende Änderungen im Inneren erzwingen. Er sieht auch eine tief greifende Kampflinie, die durch Russland geht. Er will die sich bereichernden Eliten eindämmen und Russland politisch und wirtschaftlich neu erden, auf eine, wie er sagt, sozial gerechtere und moralisch einwandfreiere Grundlage.

Das hört sich erstmal gut an. Konkret heißt es: Maßnahmen zur Abkopplung vom US-Dollar und zur Rückführung von Vermögen, die Offshore geparkt sind. Dabei sollen Gewinne der Wirtschaftseliten außerhalb Russlands zwangsweise "verstaatlicht" werden. Neue Produktionsprozesse in geschlossenen Kreisläufen sollen entwickelt und gestaltet werden.

Es geht Trenin dabei nicht um die Rückkehr in eine US-zentrierte Weltordnung unter besseren Bedingungen, sondern um den Aufbau eines neuen globalen Systems.

Russlands Aufgabe sei dabei die Integration des Raumes zwischen Belarus und Zentralasiens bis in den Südkaukasus.

Wie das friedlich vonstatten gehen soll, das verschweigt der Redner.

Die neue globale Ordnung soll im Zusammenspiel mit Weltmächten wie China, Indien und Brasilien gestaltet werden, aber auch mit Staaten wie der Türkei, den ASEAN-Staaten, den Golfstaaten, Iran, Ägypten, Algerien, Israel, Südafrika, Pakistan, Argentinien, Mexiko und anderen. Dafür sollen internationale Organisationen der nicht-westlichen Welt gestärkt und ausgebaut werden wie die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU), die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) oder die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ).

Führend sieht Trenin sein Land bei der Entwicklung einer Rahmenideologie, um die unterschiedlichen Interessen zu harmonisieren und übergreifende Agenden zu koordinieren.

Ein Atomkrieg müsse beim Aufbau dieses neuen Weltsystems unbedingt verhindert werden, sondern nach einem Erfolg in der Ukraine, sollen die NATO-Staaten gezwungen werden, die russischen Interessen und neuen Grenzen anzuerkennen.

Er geht von einer längeren Übergangszeit aus, denn sein Fazit lautet:

War is always the most severe and cruel test of durability, endurance and inner strength. Today, and for the foreseeable future, Russia is a country at war. It will be able to continue its trajectory only if the authorities and society unite on the basis of solidarity and mutual obligations, mobilize all available resources and at the same time expand opportunities for enterprising citizens, remove obvious obstacles that weaken the country from within, and develop a realistic strategy to deal with external adversaries.

Kurzum: Heute und auf absehbare Zeit ist Russland ein Land im Krieg.

Russland wird seinen Weg nur fortsetzen können, wenn sich Regierung und Gesellschaft auf der Grundlage von Solidarität und gegenseitigen Verpflichtungen vereinen, alle verfügbaren Ressourcen mobilisieren, gleichzeitig die Möglichkeiten für Unternehmertum erweitern, bürokratische Hindernisse beseitigen, die das Land von innen schwächen, und eine realistische Strategie entwickeln, um mit externen Gegnern umzugehen.

Dass sind für Europa keine schönen Aussichten, aber irrational sind die Gedanken von Trenin nicht.

Wer auf eine neue europäische Sicherheitsarchitektur mit Russland hofft, hofft vergebens, solange Russland solche Pläne schmiedet.

Ob diese umgesetzt werden können, muss offen bleiben, aber zunehmend werden die Vorstellungen deutlich, die zur Ausweitung des Krieges in der Ukraine führten.

Unpiq: Russland verlässt Europa - Trenin zeichnet eine neue Welt

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Kommentare 2
  1. Dominik Lenné
    Dominik Lenné · vor 19 Tagen · bearbeitet vor 19 Tagen

    Gut, dass der Weg weggeht vom Euro- und US-Zentrismus ist auch erstmal nicht zu beanstanden, auch wenn uns das nicht schmeckt.

    "the main field of the ongoing battle is located *inside* the country." (*von mir)
    D.h. die RF muss effizient und agil gemacht werden. Ob das wohl gelingt? Im Grunde das Programm der obersten Führung seit 1600 oder so.

    "The US and its allies...are in fact striving to exclude Russia from world politics as an independent factor, and to completely destroy the Russian economy."
    Hier vertauscht er offensichtlich Ursache und Wirkung.

    "... increased Western pressure on Russia (the state, society, economy, science and technology, culture, and so on) on all fronts."
    Also die Sache geht auch um kulturelle Identität.

    " It is highly probable that the theatre of the «hybrid war» will simply move from Ukraine further to the east, into the borders of Russia, and its existence in its current form will be contested."
    In der Tat schreiben einige über die anstehende Auflösung der RF in ihre eroberten Bestandteile. Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Aber diese Tendenzen sind eine Folge der "speziellen Operation" - man traut RU nicht mehr über den Weg.

    "The immediate and most important task of this strategy is to achieve strategic success in Ukraine within the parameters that have been set and explained to the public."
    Was genau ist damit gemeint? Dazu verfolge ich die Sache nicht genau genug.
    Im Ganzen kann man sagen, dass anscheinend in RU ein ziemlich verschiedener Mindset vorherrscht, eine russische Variante der Wut auf den so erfolgreichen und mächtigen Westen.
    An dem Text fällt mir auf, dass mit keinem Wort auf Putins Kontinuität des Kontinental-Imperialismus eingegangen wird - es geht darin nur um Verteidigung gegen eine Bedrängnis, die als existentiell empfunden wird. Hm.
    Auch kein Wort über die Unverletzlichkeit von Grenzen natürlich.
    Eine düstere Vision von einem Amerikanisch-Chinesischen Krieg.
    So etwas stimmt einen nicht gerade optimistisch...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 19 Tagen · bearbeitet vor 19 Tagen

      Da bin ich wie wahrscheinlich alle Interessierten auf der Suche, möglicherweise ist noch nicht entschieden, was ein strategischer Erfolg ist.

      Der Donbas und eine Landbrücke zur Krim bis nach Cherson?

      Diese Ausweitung könnte man zum strategischen Erfolg erklären.

      Offensichtlich wird selbst in solchen Statements nicht mehr von der "Befreiung" und "Entnazifizierung" der gesamten Ukraine geredet.

      Das scheint - zumindest vorerst - vom Tisch.

      Immerhin brauchte Russland fast das gesamte 18. Jahrhundert, um das Gebiet der heutigen Ukraine zu erobern. Damals begann es mit "Peter dem Großen", mit dem sich Putin unlängst verglich.

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