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Technologie und Gesellschaft

Michael Seemann
Kulturwissenschaftler, Autor, Internettheoretiker
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piqer: Michael Seemann
Montag, 05.11.2018

Mensch gegen Algorithmus - der heldenhafte Kampf der bessergestellten Eltern in Boston

Der Algorithmus. Wundersames Wesen. Artifizielle Intelligenz. Entscheider ohne Gewissen. Neuer Herrscher über die Menschen?

Noch nicht!

Die Menschheit schlägt zurück! In Boston hat ein MIT-Algorithmus die Schulbusfahrpläne rück! sichts! los! umgestellt. "Optimiert" wie diese komischen Wissenschaftler sagen. In Wirklichkeit haben sie alles durcheinander gebracht. Die gute, alte organisch gewachsene Ordnung!

Gottseidank gab es großen Protest aus der Elternschaft. In einer heldenhaften Protestschlacht konnte der Algorithmus zurückgeschlagen werden. Der Busfahrplan wurde wieder aufs alte System zurückgestellt.

Menschheit 1 - Algorithmus 0. Skynet wurde abgewehrt. Vorerst!

PS: Okay. Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass hier vor allem strukturell privilegierte (reiche, weiße) Eltern gegen eine Umstellung protestierten, die die weniger Privilegierten (arme, schwarze - und nebenbei - die Mehrheit des Schulbezirks) tendenziell gleicher gestellt hätte. Zwar haben die Privilegierten das Gesamtkonzept nicht wirklich durchdrungen, aber diese tendenzielle Schlechterstellung war für sie trotzdem spürbar und deswegen Grundlage ihres Protestes. Egal. Jetzt ist ja wieder alles beim Alten. Das organisch gewachsene System ist zwar teurer, ungerechter aber dafür auch schlechter. Und Diskriminierung, die von Menschen gemacht ist, ist ja nicht so schlimm, oder? Ist doch alles Bio!

UPDATE: Ein Boston Globe Artikel über dasselbe Problem gibt den Eltern mehr Raum für ihre Argumente. Der Konflikt scheint aber insgesamt vornehmlich um die Frage des späteren Schulbeginns zu kreisen.

Mensch gegen Algorithmus - der heldenhafte Kampf der bessergestellten Eltern in Boston
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Kommentare 3
  1. Matthias Spielkamp
    Matthias Spielkamp · vor 9 Tagen

    Hallo Michael, ich hab den Artikel nicht gelesen, weil die Story schon vor ca. 6 Wochen im Boston Globe erschienen ist. Und der hat offenbar wesentlich besser recherchiert - oder wahrheitsgetreuer berichtet:

    "Even if the algorithm promised to reduce inequities, the upheaval involved — with nearly 85 percent of the district getting new start times — would hit black and brown families especially hard, the groups argued.

    “We know our parents of color are disproportionately likely to have lower-wage jobs that will make it harder for them to change schedules to meet the new demands of BPS, let alone pay more money for additional child care after school,” said Matt Cregor, education project director at the Lawyers’ Committee, in an interview with the Globe." apps.bostonglobe.com/ideas/gra...

    Ist immer bequem, einen klaren Feind zu haben, z.B. die "Privilegierten" (Hamburger Eltern gegen Gesamtschule!). Nur doof, wenn der sich dann als Pappkamerad entpuppt.

    1. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · vor 9 Tagen

      Oha, vielen Dank für die Ergänzung / Richtigstellung!

    2. Michael Seemann
      Michael Seemann · vor 8 Tagen

      Danke für den Link. Das wirft in der Tat nochmal ein anderes Licht auf die Sache. Jedoch wäre ich hier vorsichtig sein, der Elternseite vorbehaltlos zu glauben. Es steht sozusagen Aussage gegen Aussage. Wir können hier nur spekulieren. Ich denke schon, dass der Algorithmus in mancherlei Hinsicht versuchte mehr Gerechtigkeit in ein organisch gewachsene Struktur zu bekommen. Nach dem Lesen des Globe-Artikels habe ich jedoch den Eindruck, dass es hier gar nicht wirklich um den Algorithmus geht, sondern der Konflikt sich um eine seiner Zielvorgaben rankt: der Frage, ob Kinder später zur Schule gehen sollen. Darauf war der Algorithmus getrimmt, da Forschungen darauf hindeuten, dass das für die Kindesentwicklung vorteilhaft ist. Das scheint aber auch genau der Stein des Anstoßes bei den Eltern zu sein, da sie ihre Arbeitszeiten nicht darauf abgestimmt bekommen. Der Konflikt ist im Grunde also eher ein Eltern-Convinience vs. Kindeswohl-Konflikt.