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Seite Eins

Wenn Rainer Meyer schreibt, bekomme ich Morddrohungen

Diese Artikelempfehlung ist in mehrfacher Hinsicht für mich ein Dilemma.

Der Artikel, dessen Lektüre ich allen nahelege, trägt dazu bei, den Autor Rainer Meyer, der sich "Don Alphonso" nennt und für die Tageszeitung "Die Welt" schreibt, bekannt zu machen – und genau das ist das erste Dilemma: Meyer, der sich selbst zwar als "Sozialdemokrat" und "unideologisch" bezeichnet, will bekannt werden, denn davon lebt er. Das ist grundsätzlich nichts Verwerfliches, viele Menschen leben von ihrer Bekanntheit: Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Politiker et cetera. Aber Meyer bedient eine rechtspopulistische bis rechtsextremistische Leserschaft. Seine Fans sehen seine Artikel und seine Tweets oft als Aufforderung, jene Menschen, die Meyer nicht mag und die er kritisiert, nicht nur zu beleidigen und zu beschimpfen, sondern auch zu bedrohen.

Und zu den Bedrohten zähle auch ich. Das ist das zweite Dilemma: Ich bin befangen. Ich habe oft genug erlebt, wie die Zahl der Hassnachrichten steigt, nachdem Meyer jemanden ins Fadenkreuz genommen hat. Er tut das auf zum Teil üble Weise, aber doch immer haarscharf an der Grenze zum Ungesetzlichen entlang. Aber egal, denn seine Fans verstehen schon, was er meint. Der Artikel von Antonia Baum beschreibt, wie das System Rainer Meyer funktioniert: mit Hilfe von Codes.

Es ist wichtig, dass wir alle verstehen, wie dieses System funktioniert. Meyer ist nicht der Einzige, der es nutzt:

Ein anderes, extremes Beispiel für dieses Muster ist die frühere CDU-Politikerin Erika Steinbach (derzeit etwa 90.000 Follower), die durch einen Tweet den rechten Hass auf den damaligen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke neu anfachte. Lübcke vertrat eine offene Haltung gegenüber Geflüchteten und wurde deswegen im Internet regelmäßig von Rechtsextremisten bedroht. Unter Steinbachs Tweet vom Februar 2019 wurden Morddrohungen gepostet, gut drei Monate später wurde Lübcke von einem Rechtsextremisten erschossen.

Meyer sowie "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt sagen, sie könnten ja nichts für die Follower und für deren Worte. Aber damit machen sie es sich sehr leicht, sie stehlen sich aus der Verantwortung. Sie behaupten sogar, Meyer würde schließlich auch Drohungen erhalten. Wirklich? Auch mit Besuchen von Leuten vor Ort? Mit Fotos von Klingelschildern? Und veröffentlichten Privatadressen?

Als ich im November 2019 nach Kritik an der "AfD" eine Welle von Morddrohungen erhielt, zum Teil ganz konkret, und darüber einen Artikel schrieb, kommentierte Meyer auf Twitter: "Herr Kazim hat Angst und ist verunsichert." Was sollte das sein? Freude? Info an seine Follower, dass sie auf dem richtigen Weg sind? Die Folgen waren vorhersehbar: noch mehr Morddrohungen.

Man kann und darf alles Mögliche kritisieren. Man darf die Bundesregierung doof finden. Man darf die Flüchtlingspolitik bemängeln. Man darf mich kritisieren. Aber wenn man dann jemanden wie Meyer oder seinen Chefredakteur Poschardt darauf hinweist, dass die Texte, die mit Codes arbeiten, Teile der nachweisbar rechtspopulistischen bis rechtsextremistischen Leserschaft animieren, Morddrohungen zu verfassen, sollte es doch wenigstens ein Bemühen darum geben, das abzustellen.

Tatsächlich antwortet Poschardt regelmäßig nur, wie sehr er an Meyer festhält, wie toll er ihn findet. Und macht damit deutlich, wie egal ihm ist, dass Menschen bedroht werden und durchaus um ihr Leben fürchten.

Deshalb finde ich diesen Artikel, trotz der genannten Bedenken, sehr, sehr wichtig.

Wenn Rainer Meyer schreibt, bekomme ich Morddrohungen

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Kommentare 4
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · vor 4 Monaten · bearbeitet vor 4 Monaten

    Leider wird auch hier wieder nur auf die andere Seite gezielt. Das Don A. den selben Vorwurf gegenüber der Linken Seite gemacht hat, wird natürlich nicht genannt. Ein Schelm, wer Schlimmes dabei denkt. Hier der Auszug aus Perlentaucher dazu:

    "Fatina Keilani, Redakteurin im Tagesspiegel, hatte kürzlich scharf kritisiert, dass der Rassismusvorwurf zu einer Art Geschäftsmodell verkommen sei (unser Resümee). Daraufhin schlug ihr in den sozialen Medien ein derartiger Shitstorm entgegen, dass sie in einem zweiten Artikel den Rassismus aufs Korn nahm, dem eine Migrantin ausgesetzt ist, die nicht konform geht mit der linken Opferagenda (mehr hier). In der Welt benennt Don Alphonso einige Wortführer dieses Shitstorms, die oft in der Politik arbeiten. Dazu gehören Niema Movassat, Bundestagsabgeordneter von der Linkspartei, Charlotte Obermeier, Koordinatorin Social Media der Grünen-Bundesfraktion, die laut Don Alphonso schon eine Autorin des Westfalen-Blatts zu Fall gebracht haben soll, sowie zwei Personen, die ihre Funktion in ihren Twitterprofilen nicht so offensichtlich machen: Krsto Lazarevic, Pressesprecher des grünen Europaparlamentsabgeordneten Erik Marquardt, und eine gewisse Sarah, die tatsächlich Mitarbeiterin des Bundestagsabgeordneten der Linkspartei Stefan Liebich sei. Für Don Alphonso ist die "Botschaft offensichtlich: Wer vom gewünschten Meinungskorridor abweicht, wird von Politikern angegriffen, von bezahlten Mitarbeitern der Politik mal verdeckt, mal offen verleumdet, und die Pöbler im Netz besorgen den Rest. Es gibt momentan jede Menge Vorwürfe, die konstruiert werden, um Fatina Keilani und ihren Ruf zu zerstören: Natürlich ist das ein Angriff auf die Pressefreiheit, und bei Linken und Grünen hat man offensichtlich auch keine Hemmungen, das mit Leuten zu betreiben, die für den Bereich Presse und Social Media angestellt sind.""
    https://www.perlentauc...

    Kurz danach der Konter in der Zeit, auch wiedergegeben bei Perlentaucher:

    "Der Blogger Don Alphonso, früher FAZ, heute Welt, mobilisiert laut Antonia Baum in der Zeit ein Netz von rechtsextremen Trollen. Wenn er jemanden attackiert, seien sie es, die die Angegriffenen mit ihren Hasspostings und Drohmails terrorisieren. Die Welt diene ihm dabei als das bürgerliche Umfeld, das ihm Respektabilität verleihe: "Exakt so beschreibt es der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent: Es gebe die Tendenz, dass jemand, der 'öffentlich renommiert' sei, vorangehe und die Zielperson aussuche, auf die 'sich dann Rechtsradikale stürzen'." Die Opfer, so Baum, seien "eher junge Leute mit eher linken, feministischen, antirassistischen Ansichten, die häufig in den sozialen Netzwerken publizieren". Baum erwähnt nicht, dass Don Alphonso gerade selbst umgekehrt einige Parlamentarierer und Parlamentsmitarbeiter der Linken und Grünen benannt hatte, die wiederum die Tagesspiegel-Redakteurin Fatina Keilani mit Hasspostings verfolgt hatten ..."

    https://www.perlentauc...

  2. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 5 Monaten

    Worte haben Macht. Wenn auch gerade Figuren wie Don Alphonso das bestreiten wenn es etwa um gendergerechte Sprache geht etc. (seltsamerweise nie wenn um es ihre eigenen Worte geht).

  3. Hauke Friederichs
    Hauke Friederichs · vor 5 Monaten

    Die Analyse von Antonia Baum ist wirklich bestechend – ich hätte den Text auch empfohlen. Für mich war das einer dieser Artikel, den ich eigentlich nur kurz anlesen wollte und dann bis zum allerletzten Satz dabei geblieben bin.

  4. Gabriele Feile
    Gabriele Feile · vor 5 Monaten

    Vielen Dank.

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