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Reportagen und Interviews

Elisabeth Dietz
Redakteurin, Community Manager
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piqer: Elisabeth Dietz
Mittwoch, 12.10.2016

Zehn Tage im Irrenhaus

1885 erschien im Pittsburgh Dispatch ein Leitartikel mit dem Titel „What Girls Are Good For“, in dem die arbeitende Frau als „Monstrosität“ bezeichnet wurde. Daraufhin erhielt die Zeitung einen wütenden Leserbrief, dessen Eloquenz den Chefredakteur so sehr beeindruckte, dass er seine Autorin, die 18-jährige Elizabeth Jane Cochrane, als Reporterin anstellte.

Unter dem Pseudonym Nellie Bly schrieb die junge Frau mit Vorliebe über soziale Ungerechtigkeit. Nach sechs Monaten als Auslandskorrespondentin in Mexiko musste sie fliehen, weil die mexikanische Regierung ihr wegen eines kritischen Artikels nach dem Leben trachtete. In Pittsburgh ließ man sie sicherheitshalber nur noch über Mode und Blumen schreiben. Mit 23 zog sie nach New York.

Vier Monate lang suchte sie erfolglos Arbeit. Ihre Reserven waren aufgebraucht, als es ihr gelang, in die Redaktionsräume von Joseph Pulitzers New York World vorzudringen. Ihr erster Auftrag bestand darin, sich in eine psychiatrische Anstalt einweisen zu lassen. Nellie Bly ist eine Pionierin der investigativen Recherche. Damals nannte man, was sie tat, noch „stunt journalism“.

Das Irrenhaus auf Blackwell's Island war eine staatliche Institution und ein trostloser Ort. Nellie Bly beschreibt unerträgliche Kälte, fadenscheinige Kleidung, verdorbenes Essen, Gewalt, Vernachlässigung und Langeweile, vor allem aber die absolute Macht- und Hoffnungslosigkeit der Insassinnen.

From the moment I entered the insane ward on the Island, I made no attempt to keep up the assumed role of insanity. I talked and acted just as I do in ordinary life. Yet strange to say, the more sanely I talked and acted the crazier I was thought to be by all except one physician, whose kindness and gentle ways I shall not soon forget.

Die Reportage, die später als Buch erschien, trug wesentlich dazu bei, die Bedingungen in New Yorks staatlicher Psychiatrie zu verbessern.

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