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Literatenfunk

WIEDERGUTMACHUNGSDEUTSCH
SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Samstag, 27.06.2020

WIEDERGUTMACHUNGSDEUTSCH

Weil es im Salzkammergut so viel regnete, fand ich mehr Zeit zum Lesen als geplant. So kam ich endlich dazu, mir Ursula Krechels Roman „Shanghai fern von wo“ vorzunehmen, eine Hommage an die ungesühnten und kaum entschädigten jüdischen Exilanten in Shanghai, eine Spurensuche anhand einiger Lebensläufe, gleichzeitig aber auch eine poetische Analyse des Exils an sich, des Erinnerns, der existenziellen Verbindung von Sprache und Welt.

Nach Shanghai flohen diejenigen Verfolgten, die kein Visum oder kein Affadavit für ein anderes Land auftreiben konnten. Vor Ort war die Lage dann extrem kompliziert, da sich die Herrschaftsverhältnisse im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ständig änderten und damit auch der Bewegungsspielraum der Geflüchteten. Außerdem war von Anfang an klar, dass sie hier auf Dauer nicht würden bleiben können. Vorerst aber ging es ums blanke Überleben, denn außer zwei Koffern und 10 Dollar pro Person, durften die Ankömmlinge nichts mitbringen. Und natürlich konnten die Anwälte, Buchhalter, Bankiers etc. ihre Berufe nicht mehr ausüben. Also lag es oft an ihren Frauen und Töchtern, die Familie durchzubringen. Am Beispiel der Wienerin Franziska Tausig zeigt Krechel, wie sich gewohnte Lebensumstände nach der Flucht mit einem Schlag ändern mussten. Der bürgerlichen Ehefrau gelingt es mit ihren Kochkünsten, insbesondere mit der Herstellung von Apfelstrudel, eine Arbeitsstelle zu erhalten und damit das Überleben ihrer Familie zu sichern. Die Beschreibung dieses komplizierten Vorgangs zählt zu den Höhepunkten dieses Romans. Krechel schöpft die sinnlichen Qualitäten des fachgerechten Umgangs mit Teig und Zutaten voll aus, schildert sie als nahezu magischen Akt. Überhaupt arbeitet die Autorin auch mit poetischem Werkzeug und Sprachspielen, schafft dadurch sinnliche Nähe zum vergangenem Geschehen. Die deutsche Sprache bildete für die aus ihr Vertriebenen gleichermaßen eine Erinnerung an Zugehörigkeit, wie auch an deren Verlust:

„der Sprachschatz war annektiert, auf ihm wurde herumgetrampelt in Deutschland und im angeschlossenen Österreich“.

Im Mittelpunkt des Erzählens aus jener Zeit steht Ludwig Lazarus, ein ehemaliger Buchhändler, dessen Zeugnis die Autorin im Zuge ihrer Recherchen auf Tonband gesprochen in Berlin gefunden hatte. Er bildet den Klebstoff des Gewebes aus verschiedenen Figuren, indem er seine Sichtweise der Geschehnisse, Vorgeschichten und Nachgeschichten aller Protagonisten vorträgt. Die Materialität seiner Stimme wie des Aufzeichnungsmediums verbürgt Authentizität. Die symbolhafte Bedeutung seines Nachnamens stellt dabei einen glücklichen Zufall dar. Einerseits ist er derjenige, der nach seinem symbolischen Tod in Deutschland in Shanghai wiederauferstehen konnte; andererseits steht er für die Wiederauferstehung des Vergangenen in der Gegenwart dieses Romans. Die allwissende Erzählerin zweifelt aber auch immer wieder an seinen Erinnerungen, die ihrer Meinung nach, nicht alles wiedergeben oder eben nicht so, wie ein Roman die Ereignisse aufbereiten würde.

„Lazarus wußte so viel. Woher wußte Lazarus so viel? Und warum wußte er, als er das Tonband besprach, manches gar nicht mehr? Er erzählte Anekdoten, eine Geschichte formte sich, eine Geschichte wird erzählt, in der manche Einzelheiten keinen Platz haben, andere finden Beifall, wieder andere fallen unter den Tisch, das Sehen und Hören ist unsicher, Gesehenes wird vergessen, Gehörtes wird falsch oder mißverständlich wiedergegeben. Und Lazarus schwieg. Was verschwieg der gute Erzähler?“

Im Laufe des Geschehens führt Krechel schließlich immer mehr historisches Wissen und immer weniger Erfahrenes in den Roman ein. Gegen Ende, als der Krieg vorbei ist und sich die Shanghailänder, wie sie sich nannten, in alle möglichen Weltgegenden zerstreuen, schildert sie die Rückkehr von Lazarus nach Berlin, seinen demütigenden Kampf mit den Behörden um Gerechtigkeit und Entschädigung zu erhalten. Um diesen zu bestehen, muss er „Wiedergutmachungsdeutsch“ lernen; die Autorin zitiert dazu aus Originaldokumenten und macht die grauenvolle Prozedur damit nachvollziehbar.

Die Einzigartigkeit von Krechels Roman besteht in der Vielfalt von Methoden, die sie anwendet, um Geschichte und vergangene Schicksale in der Gegenwart wiederauferstehen zu lassen. Ich habe bislang nichts Vergleichbares gelesen.

9,3
12 Stimmen
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Kommentare 4
  1. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor 17 Stunden

    Danke, was für ein großartiges Buch! War ab der ersten Seite gefesselt und beeindruckt vom Thema und von der Sprache. Gleichzeitig wundere ich mich, dass ich noch nie von dieser Autorin gehört habe beziehungsweise bewusst wahrgenommen habe. Wo war ich 2012, als sie den Deutschen Buchpreis erhielt?
    Freue mich über diese Entdeckung und auf das Lesevergnügen, habe eben die ersten 50 Seiten gelesen.

    1. SABINE SCHOLL
      SABINE SCHOLL · vor 2 Stunden

      das freut mich. und die apfelstrudelpassage ist wirklich genial!

  2. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 18 Stunden

    Danke, mir wurde GEISTERBAHN von Ursula Krechel empfohlen.

    Zu den nach Schanghei geflohenen Juden kann ich empfehlen «Leb wohl, Schanghai» von Angel Wagenstein. Leider ist die deutsche - im Gegensatz zur englischen - Übersetzung gekürzt.

    Der 1922 geborene Shoah-Überlebende und Partisan erlaubt sich Widersprüche aufzuzeigen, über die oft hinweggesehen wird.

    Zum einen gibt es ein wohlhabendes, tief in der deutschen Kultur verwurzeltes jüdisches Musikerehepaar aus Dresden, das nach der geglückten Flucht in bitterer Armut versinkt. Zugleich gilt in den Kreisen der reichen Bagdad-Juden von Schanghai Deutsch weiterhin als «Symbol für einen besonders hohen gesellschaftlichen und kulturellen Status». Einige machen sogar mit den Nazis profitable Geschäfte.

    1. SABINE SCHOLL
      SABINE SCHOLL · vor 2 Stunden

      danke für den literaturtipp, werde ich mir gleich besorgen. von ursula krechel sind alle drei romane empfehlenswert, finde ich.

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