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Literatenfunk

Unversöhnt
Ulla Lenze
Schriftstellerin
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piqer: Ulla Lenze
Montag, 29.02.2016

Unversöhnt

Vom norwegischen Autor Per Petterson habe ich inzwischen fast alle Romane gelesen. Wenn ich eins seiner Bücher aufschlage und an einer beliebigen Stelle lese, zieht mich das meist augenblicklich in das melancholische Grundgefühl seiner Prosa, das aber nie Masche oder Pose ist. Sein jüngster Roman „Nicht mit mir“ (Hanser 2014) ist formal sperriger als die Vorgängerbücher. Ob meine Bereitschaft, mich auf die vielen Zeitensprünge und wechselnden Perspektiven einzulassen, sich meiner grundsätzlichen Begeisterung für Petterson verdankt (bzw. meinem unzulässigen Ergänzen durch mir bereits bekannte Motive früherer Bücher), oder vielmehr Petterson hier konsequent Form und Inhalt in eins setzt und dadurch überzeugt, kann ich nicht beurteilen.

Die Erzählung hebt an mit der zufälligen Wiederbegegnung von Tommy und Jim, die während der Schulzeit einst enge Freunde waren. Dreißig Jahre haben sie sich nicht gesehen. Beide wuchsen ohne Vater auf, Jim hat seinen nie kennengelernt. Tommy hat seinem Vater, der bei der Müllabfuhr arbeitete und ihn und seine Geschwister prügelte, eines Tages mit einem Stock die Kniescheiben zertrümmert und ihn aus dem Haus gejagt (das die Mutter schon Jahre vorher verlassen hatte). Die Kinder wuchsen fortan in verschiedenen Pflegefamilien auf. Tommy, von den familiären Startbedingungen her klar der Benachteiligte, ist heute Investmentbanker und hat es offensichtlich zu Geld gebracht, man sieht es am nagelneuen Mercedes. Jim ist krankgeschriebener Bibliothekar. Was genau die beiden entzweit hat, wird im Buch genauso konsequent nicht ausbuchstabiert wie das Leben selbst das auch nicht tun würde. 

In Rückblenden und aus verschiedenen Perspektiven werden Episoden aus diesen vergangenen Jahrzehnten erzählt, die sich keineswegs puzzlehaft zu einem plausiblen Gesamtbild fügen, denn es geht nicht um Auflösung, vielmehr um das unabwendbare Scheitern der Figuren, ihre tiefe Einsamkeit und Verletzlichkeit. Der Roman ist reich an Angeboten zur Versöhnung mit dem Leben, aber sie werden nicht ergriffen. Tommys Schwester Siri etwa tritt schließlich als beruflich Fernreisende ahnungslos in die Fußstapfen der Mutter – die einst die Kinder verließ und auf See ging, ohne jemals wieder Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Jahre später stößt Siri in Singapur in der norwegischen Seemanskirche auf ihre eigenen Kinderbilder, die nur ihre Mutter dort zurückgelassen haben kann. Das ist einer dieser strapazierenden Zufälle, wie sie im Leben tatsächlich vorkommen, in Büchern hingegen kaum erlaubt sind. Hier aber verzeiht man den Verstoß gegen die Normpoetik, vielleicht ist man als Leser selber schon  angesteckt vom subtil rebellischen Grundgestus des „Nicht mit mir“. Ähnlich wie zu Beginn die zufällige Wiederbegegnung beider Freunde schließt sich mit den plötzlichen Spuren der verlorenen Mutter eine Art Kreis - und doch passiert nichts: „Das sind nicht wir. Alles stimmte. Aber es waren nicht wir.“ 

Der norwegische Originaltitel „Je nekter“ („Ich verneine“) scheint in seiner Härte die Stimmung des Buches noch besser zu treffen als das leicht kindlich trotzige „Nicht mit mir“. Eine Verweigerung den Versöhnungsangeboten des Lebens gegenüber, weil diese vielleicht letztlich gar nicht zu rechtfertigen sind, aber in dieser dunklen, traurigen und stets poetischen Prosa Pettersons – als wäre die Schönheit die dritte Möglichkeit – die Zurückhaltung plausibel wird. Und darin liegt eine ganz andere Form von Versöhnung. 

8,2
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