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Literatenfunk

Sympathie für den Teufelsroman (anfängliche)

Quelle: https://www.flickr.com/photos/crystalfaye/4026890690/

Kathrin Passig
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piqer: Kathrin Passig
Donnerstag, 06.04.2017

Sympathie für den Teufelsroman (anfängliche)

„Der Gentleman" von Forrest Leo ist gerade auf Deutsch erschienen, und weil Cornelius Reiber es übersetzt hat, wollte ich es lesen. Cornelius Reiber führt selbst das Leben eines Gentleman, was sich unter anderem darin äußert, dass er in den vielen Jahren unserer Bekanntschaft keiner sichtbaren Tätigkeit nachgegangen ist. Ein einziges Mal konnte ich ihn dazu bewegen, Auskunft über seine Arbeit zu geben. Er tat es widerstrebend und danach fühlte ich mich, als hätte ich eine Katze in einen Matrosenanzug gesteckt, um ein Foto von ihr zu machen.

Das Buch fängt sehr gut an: Der Gentleman und unglücklich verheiratete Ich-Erzähler bekommt Besuch vom Teufel, einem freundlichen und schüchternen Herrn. Das alles ist sehr vielversprechend und wird noch schöner durch die zahlreichen Fußnoten eines fiktiven Herausgebers, der nicht immer mit den Aussagen des Erzählers einverstanden ist. Gegen die Übersetzung ist auch nichts einzuwenden[1]. Auf den ersten 120 Seiten findet die Handlung überwiegend im Kopf des Erzählers statt, aber dann verlässt er[2] das Haus und betritt eine Buchhandlung (in Romanen immer ein schlechtes Zeichen). Ab da türmen sich Dialoge und Handlungselemente aufeinander, wie ich sie bisher nur aus Gerhard Henschels „Die gnadenlose Jagd" kannte, einem Buch, in dem der erwachsene Autor eine als Neunjähriger begonnene Geschichte vervollständigt. Nur dass es hier umgekehrt ist, als hätte der erwachsene Forrest Leo ein Buch begonnen und der Neunjährige es vervollständigt.

„Willst du auf die Bedingungen der Gauner eingehen oder nicht?", erkundigte sich Achim.
„Ich gebe jedes Opfer, um meine Kinder zu erretten!", schrie Heribert. „Selbst wenn es mein eigenes Leben kostet." Er wütete noch eine Weile herum, dann beruhigte er sich allmählich. „Es wird schon sehr schwer werden, das ganze Geld zu beschaffen", fuhr er fort. „Kannst du mir vielleicht was leihen?"
„Heribert, alter Freund!", rief Achim. „Du weißt, ich stehe dir mit Rat und Tat zur Seite. Ich schenke dir meine gesamten Ersparnisse!"

Heribert freute sich. „Achim, du bist mehr als ein Kumpel", versetzte er. „Du bist unbezahlbar!"

„Na, na, nun mal langsam", sagte Achim, „schließlich habe ich die Kinder genauso gerne wie du. Ach, da fällt mir ein, mein Schwager ist Omnibusfahrer. Der hat massenweise alte Omnibusse. Die kann er mir schenken. Die verscheuern wir dann. Das bringt ein hübsches Sümmchen ein!"

Das war ein Zitat aus „Die gnadenlose Jagd". Nach demselben Prinzip ist auch „Der Gentleman" gebaut. „Die gnadenlose Jagd" hat aber nur 78 Seiten, und davon ist die Hälfte mit Illustrationen von F.W. Bernstein gefüllt. „Der Gentleman" ist knapp 300 Seiten lang und enthält keine einzige Illustration von Bernstein oder sonst irgendwem. Von Seite 120 bis Seite 250 habe ich es etwas schneller gelesen und dann nur noch den Schluss angesehen[3], weil ich herausfinden wollte, ob die vermisste Ehefrau wieder auftaucht[4].

Immerhin steht jetzt schwarz auf weiß in einem Buch „Aus dem Amerikanischen von Cornelius Reiber", er arbeitet also wenigstens gelegentlich wie eine ganz normale Katze im Matrosenanzug. Schade um das Mysterium, aber auch beruhigend.

[1] Ob Frau Passig den Lesern dieser Rezension die Wahrheit sagen würde, wenn es anders wäre? Genau genommen wissen wir nicht einmal, ob sie eine mangelhafte Übersetzung erkennen würde; es gibt einige Stellen in ihrem eigenen übersetzerischen Werk, über die ich hier wegen der Begrenzung der Zeichenzahl bei piqd nicht mehr sagen möchte, als dass sie im aufmerksamen Leser Zweifel wecken.

[2] der Erzähler mitsamt seinem Kopf, ist hier wohl gemeint

[3] O Zustand der Literaturkritik.

[4] Literaturkritik bedeutet, dass man Fragen an den Text stellt, insofern erinnert Frau Passig sich korrekt, wenn auch unvollständig an den Inhalt ihres länglichen Germanistikstudiums.

9,1
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Kommentare 2
  1. Alexander Krützfeldt
    Alexander Krützfeldt · vor 6 Monaten

    Kathrin, Kathrin, was macht der Mann jetzt beruflich? Kann er davon leben? Hat er noch andere, geheime Jobs? Das Buch interessiert mich nicht so, dafür aber die Katze. Vielleicht kannst Du Auskunft geben.

    1. Kathrin Passig
      Kathrin Passig · vor 6 Monaten

      Vielleicht gibt es irgendwo in Berlin Mieten, die so niedrig sind, dass man noch Geld rausbekommt. Anders ist es eigentlich nicht zu erklären.