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Literatenfunk

Reisen nach Amerika

Reisen nach Amerika

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtMittwoch, 14.07.2021

Unter der Angabe „Nevada 13. Juli 2016. Alles in Ordnung Jonathan“ findet sich folgender Eintrag:

„Moderne/ Ich werde dich nicht zeigen, ich werde kein Bild von Dir erzeugen./ Landschaft ersetzt durch einen Kommentar. /Jonathan sagte: Nicht beschreiben, ich will selbst sehen.“

Das Buch, um das es im Folgenden geht, ist aufgebaut wie ein Reisetagebuch oder ein Logbuch, und im virtuellen Raum, den es wie jedes Buch eröffnet, zeigen sich Szenen, Momente, Fragmente, Fotografien einer Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber es finden sich auch aphoristische Reflexionen über den Zustand der Gegenwart. 

Die Beschreibungen sind meist keine Landschaftsbeschreibungen, sondern die eines sich verändernden Inneren, die Reflexe angesichts einer Landschaft auf die Landschaft. Allerdings greift der Reisende in das Bild der Landschaft ein, indem er es seinerseits mit Bildern garniert.

„Wir befinden uns in der tiefsten Wüste, sehen niemanden. Nur das Portrait von Kafka begleitet uns. Wo sind wohl die Menschen hin.“

Travelogues heißt eine Reihe, die im neu gegründeten kupido Verlag erscheint. Der Verleger und Übersetzer Frank Henseleit hätte sich keinen besseren und aus marktwirtschaftlichen Gründen wahrscheinlich keinen schlechteren Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Bandes „„In Amerika“, sagte Jonathan“, auswählen können, als das pandemische Jahr, das hinter uns liegt, und das, wie wir alle hoffen, nun ausläuft. Reisen waren im weiteren Sinne eingefroren, und wenn man das Haus verließ, dann mit verhülltem Gesicht.

Aufgrund einer anderen Erkrankung, die mich zum großen Teil ans Haus bindet, sah ich die Reste der Gesellschaft sich auf mein Ausgehniveau begeben, was mir aber keine Erleichterung verschaffte, sondern mir die krankheitsbedingte Exklusivität meines Daseins nahm. Plötzlich wurden alle zu Käfern.

„Höhenangst und Angst vor übertriebener Weite vor seinen Augen. Wie jemand, der permanent vor einer Wand und auf festem Grund stehen muss. Jonathan spürt, dass er Wände braucht. Er schätzt alles, was den Horizont zustellt.“

Das allerdings wird schwierig angesichts einer menschenleeren Wüste.

Im Buch berichtet der Autor aber auch von einem Traum. Am Eingang eines Vergnügungsparks wird er nach Prothesen gefragt, und beginnt von den Beinen an seinen Ganzen Körper abzulegen, der im Grunde komplett aus künstlichen Bauteilen besteht.

Etwas allerdings erleichtert mir mein eigenes Käferdasein, dieses Gebundensein an das Haus. Ich kann lesen. Und das Lesen ersetzt mir zuweilen das Reisen. Ich kann also lesen, wie ein portugiesischer Autor sich durch Amerika bewegt. Begleitet wird er dabei von einem Mitreisenden namens Jonathan und einem gemalten Kafkaportrait.

Gonçalo Manuel Tavares wurde 1970 in Luanda geboren, also in einer portugiesischen Kolonie, die bald ihre Unabhängigkeit erringen würde, und von der auch die Nelkenrevolution ausging. Übersetzt wurde der Text von Christiane Quandt und Frank Henseleit.

Natürlich schießt einem bei der Lektüre Kafkas Romanfragment „Der Verschollene“ durch den Kopf. Jene Geschichte des Karl Roßmann, der als Verstoßener eine Reise auf einem Ozeandampfer antritt, die im Roman dann, nachdem er als Liftboy entlassen ist, in der New Yorker Halbwelt versandet. Kafkas Roman endet nicht, er bricht ab. Von Amerika war bis dato kaum etwas zu sehen.

Bei Tavares nun eine gewisse Wiedergutmachung. Es ist aber nicht Roßmann, der sich durch die amerikanischen Städte und Landschaften bewegt, sondern sein Autor, oder zumindest eben jenes Bild seines Autors. Dokumentiert auf einer Reihe Farbfotografien, von denen der Text durchschossen ist.

Allerdings können wir uns nicht sicher sein. Nie. Und das ist wohl eines der Grundmuster der Moderne, dass gerade in Momenten der Sicherheit die Nervosität wächst, und wir uns eines Morgens nach dem Erwachen als riesiges Ungeziefer wiederfinden oder mit einem unbekannten Virus konfrontiert. Und die Postmoderne scheint diese Nervosität noch zu steigern.

Was man unbedingt noch betonen muss, und was Tavares mit Kafka verbindet, ist dieser unergründliche, faszinierende Humor, der in den Texten sich sediert. Darüber hinaus ist das Buch großartig gestaltet. Ein Kleinod.

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