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Literatenfunk

Paul allein auf der Welt
Annett Gröschner
Schriftstellerin und Journalistin
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piqer: Annett Gröschner
Mittwoch, 27.07.2016

Paul allein auf der Welt

„Es ist noch früh am Morgen. Paul krabbelt aus seinem Bettchen, weil er nicht mehr schlafen kann. Es muss wirklich sehr früh sein, denn überall ist es so still.“ Es wird das ganze Buch über still bleiben. Denn Paul bemerkt schnell, dass er ganz allein ist auf der Welt. Keine Mama, kein Papa, keine Milchfrau. Er braucht sich nicht zu waschen und findet es herrlich, allein in der Stadt herumlaufen zu können, er probiert alles aus: fährt Straßenbahn, plündert die Geschäfte, ist Feuerwehrmann. Niemand hindert ihn daran, aber niemand nimmt teil an dem, was er tut. Niemand ist da, der neidisch sein könnte. Irgendwann wird es langweilig, schließlich unheimlich. Am Ende kollidiert Paul mit dem Mond.

Das kleine Bändchen „Paul allein auf der Welt“ von dem dänischen Autor Jens Sigsgaard und dem Zeichner Arne Ungermann habe ich als Kind im Bücherschrank meiner Großeltern entdeckt. Dem Exlibris nach gehörte es meinem Onkel, der es als Kind geschenkt bekam, es war 1949 im Altberliner Verlag Lucie Groszer auf Deutsch erschienen und danach nie wieder. Viele Bücher habe ich im Laufe meines Lebens verborgt und nicht wiederbekommen oder bei den diversen Umzügen verloren. Die Kinderbücher wanderten durch die Generationen. „Paul allein auf der Welt“ habe ich für mich behalten. Es hat seit meiner Kindheit einen Ehrenplatz im Bücherregal. Und wie jedes gute Kinderbuch ist es auch für Erwachsene.

„In diesem Moment hörte ich ihn aus der Richtung des großen Sessels fragen, ob ich auch mein Lieblingskinderbuch in einer solchen Art in Hirn und Herz habe wie er und auch den Wunsch, einmal so einfach und wunderschön schreiben zu können; mein ‚Ja' kreuzte sein ‚Bei mir ist es...', so dass wir plötzlich wie aus einem Mund den Titel sagten: Paul allein auf der Welt“, erinnert sich Thomas Brasch an eine Begegnung mit Heiner Müller. Inge Müller - hatte ich in ihrem Nachlass entdeckt - wollte das Buch fürs Theater bearbeiten. Sie muss, so zeigen die Versuche, daran gescheitert sein. Ich hatte vorher immer geglaubt, ich wäre mutterseelenallein mit „Paul allein auf der Welt“, das unter Gleichaltrigen niemand kannte. Dass ausgerechnet dieses kleine unscheinbare Bändchen die mir wichtigen Autoren und mich verband, sprach noch zusätzlich für das Buch. Vielleicht war es diese Verbindung von Einsamkeit und Stadt, die dieses Buch zu meiner ältesten Lieblingslektüre machte.

Erwachsen bin ich geworden, als ich entdecken musste, dass man nicht immer in einem warmen Bett aufwacht, wenn man gegen den Mond stößt.

Viele Jahre blieb ich mit meinem Wunsch auf Wiedererscheinen allein. Nun hat sich der Eulenspiegel Kinderbuchverlag entschlossen, es wieder zu veröffentlichen. Es wird nicht so schön altern wie meine Ausgabe von 1949 mit Halbleinenbindung und mattem Papier. Die Übersetzung wurde behutsam angeglichen an heutige Sprachverhältnisse und der Wert von tausend Kronen wird nicht mehr umgerechnet. Aus Mami und Papi sind Mama und Papa geworden, aber Paul ist geblieben.

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