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Literatenfunk

Mit den Hamsuns auf der georgischen Heerstraße
Annett Gröschner
Schriftstellerin und Journalistin
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piqer: Annett Gröschner
Dienstag, 16.08.2016

Mit den Hamsuns auf der georgischen Heerstraße

Im Jahr 1899 reiste der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun, von Helsinki kommend, wo er monatelang auf ein Stipendium gewartet hatte, über Russland und den Kaukasus bis in die Türkei. Er war nicht allein, begleitet wurde er von seiner ersten Frau, Bergljot Bech, die er in seinem Reisetagebuch allerdings selten und wenn dann nur als „mein Reisekamerad” erwähnt. Ihr Name wird nicht ein einziges Mal genannt. Eigentlich taucht sie nur auf, wenn Hamsun sich von ihr übervorteilt glaubt oder er sie erwischt, als sie heimlich sein Reisetagebuch liest. Auch wenn sie bei den Einheimischen - aus ihm unerfindlichen Gründen - besser ankommt als er, ist ihm das einen Eintrag wert. Das leider nur antiquarisch erhältliche Buch „Im Märchenland" ist nicht nur für Kaukasusreisende eine empfehlenswerte Lektüre. Hamsun ist trotz seiner Eitelkeit ein guter Beobachter und überzeugender Erzähler.

Die Reise über den Großen Kaukasus ist das Herzstück des Buches, ein Dokument der Beschwerlichkeit des Reisens. Ich habe das Buch als Reiselektüre mitgenommen, weil ich in diesem Sommer auf der georgischen Heerstraße unterwegs bin.

Die Hamsuns reisten bis ins ossetische Wladikawkas mit der Eisenbahn. Dann stiegen sie um auf die Kutsche. Die Reise über den Großen Kaukasus bis nach Tblissi war Ende des 19. Jahrhunderts eine unbequeme Angelegenheit. Zwar hatten die Russen bei ihrer Eroberung des Kaukasus eine Straße, ebenjene georgische Heerstraße, durch das Gebirge getrieben, aber es war keine ungefährliche Angelegenheit, auf ihr zu verkehren. Räuber und Wegelagerer, manchmal sogar Kinder, „die kleinen demoralisierten Geschöpfe“, wie Hamsun sie nennt, machten das Reisen gefährlich. Betrunkene Fahrer rutschten oft ab in die Abgründe, und Erdrutsche machten die Straßen tageweise unpassierbar oder begruben die Kutschen samt Insassen unter Geröll. Die Hamsuns nahmen sich einen Molokanen als Fahrer, nicht weil diese religiöse Gruppe den Krieg und Blutvergießen ablehnte und sich deshalb auch vegetarisch ernährte, sondern weil die Angehörigen keinen Alkohol tranken. Allerdings beschreibt Knut Hamsun wortreich und amüsant, dass er schnell eine Fehde mit dem Fahrer Karnej um Pünktlichkeit, Geld und den Zustand der Pferde beginnt, die er bis zum Ende in Tblissi durchhält und in immer neuen Farben schildert. Wie Karnej eins der Pferde zuschanden reitet und es auf einer der Stationen erst nicht mehr kann, dann liegt, dann fortgeschafft, ausgeweidet, gebraten und gegessen wird, ist große Literatur.

Heute ist die Reise zwar bequemer, aber neue Grenzen führen dazu, dass es auch für eine Mitteleuropäerin mit EU-Pass nur mit lange beantragtem Visa möglich ist, von Wladikawkas nach Tblissi zu reisen. Denn Wladikawkas gehört zu Russland. Mein Weg über die georgische Heerstraße begann deswegen in Stephantsminda, bis 2006 Kasbegi, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Nach dem georgisch-russischen Krieg 2008 war die Grenze lange ganz geschlossen. Vor allem Armenien ist auf die Transitstrecke nach Russland angewiesen. Seit einem verheerenden Erdrutsch dürfen Lkw nur zu bestimmten Zeiten im Pulk die Straße befahren, was zu kilometerlangen Staus auf der Straße führt. Aber mit Hamsun im Gepäck und einem klimatisierten Kleinbus ist die Reise ein Vergnügen — schon allein der Landschaft wegen. Hamsun schreibt und ich unterschreibe: „Ich habe nie in meinem Leben solche Abgründe gesehen, ich muss ab und zu aussteigen und zu Fuß gehen und halte mich dann dicht an der Seite des Berges. Aber die Tiefe zieht und zieht. (...) Wir winden uns im Zickzack durch die Berggründe.“ Es ist interessant, wie wenig sich doch verändert hat und wie viel zugleich. Die Berge und Abgründe sind noch dieselben, auch die Stationen wie Kasbegi, Kobi und Ananuri gibt es noch, aber bei letzterem Ort hat der Staudamm die Dörfer im Tal überflutet. Statt der Kutschen, die auf Gäste warten, stehen auf den Parkplätzen der Stationen allradgetriebene Minibusse und warten auf Fahrgäste, die Fahrer - wie Karnej - um den Preis feilschend. Aber überall auf der Strecke ist der Weg ins Internet unbeschwerlicher als der über die georgische Heerstraße, denn das Netz ist über die Berge gespannt, lückenloser als in der Berliner Innenstadt.

Kurz hinter der alten Hauptstadt Mzcheta biege ich ab nach Swanetien und verlasse Hamsun, der mit seiner Gattin und dem Fahrer Karnej nach Tblissi, bei ihm Tiflis, weiterfährt und von dort mit dem Zug nach Baku und Konstantinopel reist. Zwischendurch verteilt Hamsun reichlich Zensuren an russische Schriftsteller, denen er sich, nicht ganz ohne Respekt, überlegen fühlt. Dostojewski hätte mehr lernen sollen, vor allem Bescheidenheit: Bei Tolstoi sei der Sitz des Denkens leer und Turgenjew habe zwar ein gutes Herz, aber kein starkes Gehirn.

Je mehr ich lese, desto lieber würde ich die ganze Geschichte noch einmal von Frau Hamsun erzählt bekommen. Wie war es, tagelang in diesen unbequemen und schlecht gefederten Kutschen auf den staubigen Straßen? Wie gingen die Kaukasier mit einer reisenden Frau um? Was machte Bergljot Bech, als sie ihre Periode bekam? Blieb sie im Zimmer, wenn ihr Gatte sich in den Dörfern umschaute? Was hat sie erlebt, wenn sie im Frauenschlafsaal übernachten musste? Wurde sie vom Kutscher aus dem Wagen gehoben und schaute sie unbefangen in den Abgrund? Über die Beschwerden des weiblichen Reisens im 19. Jahrhundert wissen wir viel zu wenig.

Lange hat sie es übrigens nicht mit dem Egomanen Hamsun ausgehalten. Die Ehe wurde 1906 geschieden.

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Kommentare 4
  1. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor fast 2 Jahren

    Komme gerade aus dem georgischen Kaukasus, war zwei Wochen in Swanetien wandern, anschließend noch in Kutaisi und am schwarzen Meer.
    Meine Reiselektüre war Nino Haratischwili "Das achte Leben(für Brilka)", ein großer, fast 1300 Seiten, und grandioses Familenepos über dieGeschichte Georgiens von 1900 bis in die Gegenwart. Die Autorin lebt seit einiger Zeit in Deutschland und hT das Buch auf deutsch geschrieben, großartige Sprache, große Literatur.

    1. Annett Gröschner
      Annett Gröschner · vor fast 2 Jahren

      dem kann ich nur beipflichten. nino haratischwilis buch ist uneingeschränkt zu empfehlen. der einzige nachteil ist das gewicht des buches beim wandern.

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor fast 2 Jahren

    Habe das 8. Leben auch seit ein paar Wochen fertig und habe diese 3kg Buch ein halbes Jahr durch die ganze Welt geschleppt. Ich finde die Fotos von deiner Reise auf facebook herrlich Annett! Danke für den tollen piq!

    1. Andreas Schabert
      Andreas Schabert · vor fast 2 Jahren

      aufm kindle wiegt das 3kg-buch nur noch 200 gr...