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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Vergessene Bücher“ – Unkraut
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 04.08.2016

Mein kleiner Buchladen: „Vergessene Bücher“ – Unkraut

Ein Roman aus der Kaschemme, heißt das Buch im Untertitel. 1907 im Berliner Internationalen Verlag erschienen, mit einem Geleitwort von Hans Ostwald. Der Autor *** bleibt anonym. Die Recherche im Netz ergibt, Arno Schmidt hat ein Exemplar von Unkraut besessen und das Buch ist weltweit einmal antiquarisch erhältlich, für achtundvierzig Euro. Dort ist ein Schutzumschlag erwähnt, der meinem Exemplar fehlt. Es ist stark verzogen, der blaugraue textile Einband wirkt abgegriffen, an einer Stelle angebrannt.

Zum Inhalt: Ein junger Mann stromert durch Köln. Trinkt zu viel. Seine Freunde sind Zuhälter und Straßenmusikanten. Hübsch sei dieser Franz Steckelbach, mit einem „zarten, feinen Gesicht“. Gezeichnet von „frühen Ausschweifungen“. Der Sohn eines Kleinbürgers hat es nicht weit gebracht. Aufträge in seinem Beruf als Schaufensterdekorateur gehen ihm flöten, weil er keinen Termin einhält. Bleibt die schöne Marie, welche von ihm besessen scheint. Ihre Eifersucht macht ihn irre. Schon auf Seite 19 reizt Marie ihren Geliebten in so „unerträglicher Weise“, dass er auf sie losgeht. „Er schlug sie ins Gesicht, warf sie zu Boden, trat sie mit den Füßen und schleuderte sie endlich in die Scheiben einer großen Glastür.“

Weiter muss ich lesen, dass Marie seit diesem Tage „von ihm geschlagen werden wollte“, und: „dazu hatten ihm seine Freunde längst geraten.“ Marie wohnt „auf der Mauer“ und schafft an. Der Gewinn wandert zu Franz, dieser versäuft alles. Nüchtern will Franz sich ändern, Marie verlassen und jammert überhaupt sehr viel. Marie wird verhaftet und für Monate ins „Arbeitshaus“ gesteckt.

Der Stil des Romans ist manieriert. Auf zweihundert langen Seiten suhlen wir uns mit Franz in Suff oder Selbstmitleid. Spannend wird es erst wieder, als Marie, kaum entlassen, sich ihrer Freundin Blumenann zuwendet. Auf eine Weise, die Franz nicht gefällt. Blumenann ist schon länger in Marie verliebt, ekelt sich vor Männern und macht trotz ihres „Puppengesichtes“ ein schlechtes Geschäft. Sein bester Freund Jupp rät Franz, er solle sie schlagen, die Weiber im Allgemeinen und die „perversen“ (die Frauen lieben) besonders.

Der Freundeskreis ist voller Hohn, Franz verzweifelt. Eine letzte Aussprache bringt Marie zu der Aussage: „Ihre Liebe ist wenigstens nicht so gemein und widerlich wie Eure. Ihr wollt doch nur Geld haben.“ Das Buch endet überraschend. Franz provoziert seine Verhaftung und erhängt sich in der Zelle an seinen Hosenträgern.

Die einzige Rezension zu Unkraut ist 1908 in der Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie „Die neue Zeit“ erschienen. Robert Grötzsch schrieb, der leider unbekannte Autor könne stolz sein auf sein Werk. „Mit grausamem, unerbittlichem Realismus konterfeit der Verfasser die schmutzigsten Ecken der Halbwelt, die Nachtseite der Gegenwartskulturwelt. Beide gehören zusammen wie Körper und Schatten.“

Autor des wohlwollenden Geleitwortes ist der selbst nahezu unbekannte Kulturhistoriker Hans Ostwald, der zwischen 1904 und 1908 das größte Projekt zur Stadtforschung im deutschsprachigen Raum betrieb und die fünfzigbändige Buchreihe „Großstadt-Dokumente“ herausgab.

http://www.sehepunkte.de/2007/07/12900.html

Trotz des antiquierten Stils hat mich Unkraut berührt, was an den durchgehend stark geschilderten Frauen liegt, die letztlich Siegerinnen bleiben - innerhalb ihrer begrenzten Perspektiven.

9,2
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