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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen – Psychiatrie in der Literatur: „Unten“
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Mittwoch, 26.04.2017

Mein kleiner Buchladen – Psychiatrie in der Literatur: „Unten“

„Eines Abends, nachdem ich auf den Straßen eine ungeheure Menge von Zeitungen zerrissen hatte, stand ich vor dem Eingang des Hotels und sah mit Entsetzen, daß auf der Alameda-Straße Gestalten an mir vorübergingen, die ganz aus Holz zu sein schienen; ich stürzte auf das Dach des Hotels und weinte, während ich auf die gefesselte Stadt zu meinen Füßen schaute, die ich befreien sollte. Ich ging zu Catherine hinunter und flehte sie an, mein Gesicht zu betrachten. Ich sagte ihr: ‚Siehst du nicht, daß es das genaue Abbild der Welt ist?’"

Zwei Seiten später heißt es: „Meine Bewegungsfreiheit endete mit diesem Tag.“ Leonora Carrington beschrieb 1943 auf etwa achtzig Seiten, was ihr drei Jahre zuvor widerfahren war. Ihre Flucht vor den Deutschen aus dem besetzten Frankreich hatte Carrington in ein Irrenhaus der nordspanischen Stadt Santander geführt, wo sie einige Monate verbrachte.

Ich habe die einzigartige Surrealistin erst kürzlich entdeckt. In ihrer Wahlheimat Mexiko wird sie als nationale Ikone verehrt, ihre Skulpturen zieren Straßen und Plätze, ein Museum im mexikanischen Bundesstaat Baja California widmet sich dem Lebenswerk der 2011 hochbetagt verstorbenen Künstlerin. In Europa ist die Wahrnehmung Leonora Carringtons noch weitestgehend an ihre kurze Liebesbeziehung zu Max Ernst gekoppelt, den die zwanzigjährige Kunststudentin 1937 in Paris kennengelernt hatte. Die Ungewissheit über das Schicksal ihres Geliebten, der kurz zuvor in Frankreich interniert worden war, hat womöglich Carringtons Wahn-Episode von 1940 mit ausgelöst – nach ihrer Heilung und Übersiedlung schuf sie in Mexiko mehr als siebzig Jahre lang ein umfangreiches Werk an surrealistischen Gemälden, Skulpturen, Romanen, Theaterstücken und Erzählungen. „Unten“ war nicht ihr erster literarischer Versuch: den gemeinsamen Sommer mit Max Ernst im provenzalischen Saint-Martin-d’Ardèche hatte sie im Roman „Der kleine Francis“ phantastisch verkleidet geschildert, Erzählungen und der späte Roman „Das Hörrohr“ folgten.

Angeschnallt erwacht die Ich-Erzählerin aus einer Narkose, befindet sich an unbekanntem Ort in einem kleinen Zimmer ohne Fenster. Ihr Verhalten wird beobachtet und analysiert, die sie umgebenden Menschen sind Feinde. Erst nach Tagen darf sie die Anstalt erkunden, Flure und Räume beschreiten. Aus einem Fenster Covadongas schauen. Leonora Carrington beschreibt mit den Augen der Malerin das Ertasten der fremden Umgebung.

„Ich war wohl immer noch in Spanien. Die Vegetation war europäisch, das Klima mild und die Architektur von Covadonga eher spanisch. Aber ich war mir dessen ganz und gar nicht sicher, und als ich dann sah, welch einer fremdartigen Moral das Verhalten der Menschen folgte, die mich umgaben, fühlte ich mich noch verlorener und glaubte am Ende, daß ich mich in einer anderen Welt, einer anderen Zeit, und einer anderen Kultur befand, vielleicht auf einem anderen Planeten, auf dem gleichzeitig Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart herrschten.“

Carringtons Tempera-Gemälde „Kron Flower“ von 1987 erzählt eine ähnliche Geschichte, gruselige Greise stehen vor einer hellen Wand, einer hält eine Linse oder ein Vergrößerungsglas vor sein Auge, ein anderer Greis schaut auf uns aus Augen wie zerlaufene Spiegeleier. Im Hintergrund stürmt ein schattenhaftes Mädchen eine Treppe hinauf, gefolgt von ihrem eigenen, übergroßen Schatten. Sie greift nach einer Katze. Ein Pfeife rauchender Greis wird von einem Riesenfrosch attackiert, andere Katzen sitzen herum oder schleichen gleichmütig durch die Szene. An der Wand hinter den Greisen befindet sich ein auffallend heller Fleck, eine überputzte Fläche? Eine Tür? Das Bild bleibt rätselhaft, wie die Krankheit. Minutiös beschreibt Carrington den Verlauf der nächsten Tage, das gewaltsame Spritzenverabreichen durch die Ärzte, ihr Ausgeliefert- und Nacktsein, den übermächtigen Wunsch, nach „Unten“ zu gelangen. „Unten“ ist ein Pavillon im Garten der Anstalt, in welchem Patienten wohnen, die eine gewisse Stabilität erreicht haben. Nach dieser strebt die Kranke und lässt uns an allen Etappen ihres Selbstverlustes bis zu ihrer Selbsterkenntnis, dem ersten Schritt der Heilung, teilhaben. Ein beängstigendes, starkes und schonungsloses Buch über eine Verschiebung der Wahrnehmung, wie sie uns allen auflauern kann.

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