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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Phantasiepreise“ - die Verstümmelten
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 09.03.2017

Mein kleiner Buchladen: „Phantasiepreise“ - die Verstümmelten

„Karla Porges hatte den Riemen gehoben und schlug. Sie schlug mit dem Ende, an dem die Schnalle war. Er hob schützend die dünnen Arme. Sie stieß ihn auf das Bett, daß sein Rücken nach oben lag. 'Nun wirst du gehorchen,' sagte sie. Sie stieg nackt zu ihm ins Bett. Der Knoten ihres Haares hatte sich gelöst. Das Haar fiel um die Schulter. Sie legte den Leib für ihn zurecht...“

Vor ein paar Monaten landete eine Kiste mit Büchern in meinem Laden, die unter Reiseführern, Ratgebern, zerfledderten Fachbüchern und Krimis auch dieses enthielt. „Die Verstümmelten“ von Hermann Ungar, 1923 in der ersten Auflage von 5000 Stück bei Ernst Rowohlt in Berlin erschienen. Der Roman des mir bis dahin unbekannten Autors wird in der Erstausgabe deutschlandweit nur einmal antiquarisch angeboten, für erstaunliche 380 Euro.

Hermann Ungar, 1893 als Sohn eines jüdischen Branntweinfabrikanten im mährischen Boskovice geboren, studiert hebräische und arabische Philologie in Berlin sowie Jura in München und Prag. 1920 erscheint der erste Erzählungsband Ungars „Knaben und Mörder“. Er arbeitet als Handelsattaché des tschechischen Außenministeriums in Berlin, schreibt Theaterkritiken, wendet sich dem zionistischen Sozialismus zu und sucht die Nähe der linken literarischen „Gruppe 1925“ (der unter anderem Alfred Döblin, Egon Erwin Kisch und Bertolt Brecht angehören). Auf die „Verstümmelten“ folgen ein Dokumentarbericht und der Roman „Die Klasse“. 1928 wird Ungar ins Prager Außenministerium zurückberufen, gibt wenig später seine diplomatische Laufbahn auf, um die Existenz eines freien Schriftstellers zu wagen. Seine Romane fallen jedoch bei Lesern und Kritikern durch. Im Kreis der Prager Deutschen Literatur bleibt Ungar eine unbedeutende Randfigur.

Zu den „Verstümmelten“ - die Sprache Ungars erwischte mich mit dem ersten Satz. "Von seinem zwanzigsten Lebensjahr an war Franz Polzer Beamter einer Bank." Lapidar schildert der Autor auf gut 70 Seiten das traurige Leben des Prager Bankangestellten Polzer, die obsessive Pedanterie des immer gleichen Tagesablaufes. Die titelgebende Verstümmelung wird schleichend greifbar, der kleinstbürgerliche Held entflieht der Scham über seine Herkunft und Armut durch eine Art Versteinerung, Schreckenslähmung. „In all den vielen Jahren seiner Beamtenzeit war Franz Polzer niemals am Vormittag auf der Straße, außer am Sonntag. Er kannte den Vormittag der Werktage nicht mehr, wo die Geschäfte geöffnet sind und eilige Menschen auf den Straßen aneinander drängen. Er hatte nie einen Tag in der Bank gefehlt.“ Polzer hat Angst vor Menschen. Insbesondere vor Frauen und Kindern, Gesprächen und Körperkontakt. Durch einen minutiös geregelten Alltag des Ausweichens meidet er jede Veränderung, Beförderung, Annäherung, allein die Aufmerksamkeit eines Blickes, der auf ihn gerichtet sein könnte. Nur seinen geliebten Jungendfreund Karl Fanta besucht Polzer einmal wöchentlich und wohnt dessen Verfall bei. Fanta leidet an eitrigen Abszessen – ihm werden nach und nach die Gliedmaßen amputiert.

Polzers verwitwete Wirtin Karla Porges durchbricht eines Tages das Lebenskonstrukt ihres Mieters, indem sie ihm zu einem gemeinsamen Sonntagsspaziergang auffordert. Was danach passiert, ist ziemlich verstörend. Karla Porges lässt alle Masken fallen und bemächtigt sich seiner. Von seiner Wirtin regelrecht vergewaltigt, driftet Franz Polzers Welt völlig gegen die Wand. Sein verstümmelter Jugendfreund zieht nebst Krankenpfleger, einem ehemaligen Metzger, der noch seine blutverkrustete Schürze trägt und nachts mit dem Metzgermesser spielt, bei ihm ein. Karla Porges übernimmt die Zügel der seltsamen Wohngemeinschaft und schmiedet mit dem Krankenpfleger Komplotte. Die zarte Ehefrau des Verstümmelten und ihr halbwüchsiger Sohn geraten in die Fänge der geldgierigen Witwe. Polzer steht alldem hilflos und „zitternd“ gegenüber, am größten ist seine Angst vor dem Scheitel der Witwe, der ihn bis in seine Träume verfolgt. Die „Verstümmelten“ leiden an Phobien, religiösen Wahnvorstellungen, Selbsthass und/ oder sexualpathologischen Vorlieben. Unaufgeregt erzählt Ungar von einem Wahnsinn, der sich allmählich steigert und mich nach einem offenen Ende erleichtert wie erschüttert zurückließ. Froh, dass die alptraumhafte Handlung mich entließ und berührt von magischen Kraft Ungars Sprache.

"Die Verstümmelten" sind seit Erscheinen einer Monographie Dieter Sudhoffs ("Hermann Ungar. Leben - Werk - Wirkung", 1990) und der Werkausgabe Ungars im Igel-Verlag mehrfach wieder aufgelegt worden, Taschenbuchausgaben lassen sich für einige Cent erwerben. Im Bestand meines Buchladens fand sich eine Ausgabe seiner zwei Romane in der Bibliothek des 20. Jahrhunderts, mit einem Begleitheft von Ulrich Weinzierl. Weinzierl schreibt, dass Thomas Mann 1921 den Erzählungsband Hermann Ungars in der „Vossischen Zeitung“ noch enthusiastisch begrüßte. Zu den "Verstümmelten“ schwieg Thomas Mann „vernehmlich“, seinem amerikanischen Publikum teilte er verspätet mit: „ein fürchterliches Buch, eine Sexualhölle, voll von Schmutz, Verbrechen und tiefster Melancholie – eine monomanische Verirrung, wenn man will.“ Hermann Ungar hat das nicht mehr erreicht, als schwerer Hypochonder erlag er mit sechsunddreißig Jahren 1929 einem Blinddarmdurchbruch, der von seinen Ärzten nicht ernst genommen worden war. Sein Werk fiel für sechzig Jahre in Vergessenheit.

Ich finde es berechtigt, Hermann Ungar mit Franz Kafka (den er laut Weinzierl nie gelesen hat) zu vergleichen, auch Freuds Symbolik drängt sich dem Leser angesichts bildstarker Metaphern wie dem übermächtigen Scheitel der Witwe geradezu auf (von Freud wollte Ungar kaum etwas gehört haben).

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