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Mein kleiner Buchladen – Kolonialgeschichte: „Die andere Seite der Stille“
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 31.05.2019

Mein kleiner Buchladen – Kolonialgeschichte: „Die andere Seite der Stille“

Von dieser Runde wird ihr im Gedächtnis bleiben, dass man sie nackt auszieht. (Ohnehin hat sie nur mehr ein paar Fetzen auf dem Leib.) Und dass man sie zwingt, sich vor ihm hinzuknien. Und dass etwas gegen ihren Mund gedrückt wird. Etwas sehr hartes, das aber dennoch die Zartheit von menschlichem Fleisch besitzt. Und dass er ihr wie wahnsinnig zuschreit: "Ich sorg dafür, dass du dich hieran erinnerst! Maul auf! Du Schlampe! Du Hure!"

Es ist schwer zu ertragen. Als ich den 411 Seiten dicken Roman in einem Bücherbeutel entdeckte, freute ich mich. Eine Afrikakarte auf dem Titel, unten ein Foto der typischen Savanne, ein kitschiger Titel: Die andere Seite der Stille. André Brink, südafrikanischer Schriftsteller und wichtiger Gegner des Apartheid-Regimes, veröffentlichte 2002 die Geschichte der Deutschen Hanna X auf Englisch, die deutsche Ausgabe folgte 2008. Es soll zweihundert Seiten dauern, bis wir obiges Zitat erreichen und damit die Schlüsselszene des Buches. Hanna wird, gerade in Deutsch-Südwest-Afrika gelandet, von einem deutschen Offizier vergewaltigt und gedemütigt. Ebenso pathetisch, wie der Titel vermuten lässt, beschreibt der Autor Kindheit und Jugend des Waisenkindes Hanna im Deutschen Kaiserreich bis zu ihrem Aufbruch in die junge Kolonie zu Beginn des neuen Jahrhunderts - arte gestaltet seinen Roman-Trailer erstaunlicherweise gleich nebelschwadig.

Ich hätte die in Rückblenden erzählte, etwa hundert Seiten umfassende Vorgeschichte, welche von kadettenanstaltartigen Übergriffen auf das Kind, sexuellen Nötigungen und geistiger Stutzung nur so strotzt - gestrichen. André Brink hat die Verschickung (vor allem mittelloser) deutscher Frauen recherchiert und exemplarisch an einem Schicksal gestaltet. Aber - mir ist das Buch zu blutrünstig, zu splatterhaft auf den Effekt hin geschrieben, sprachlich zu wenig:

Der andere Körper rührt sich nicht mehr. "Wie hast du das gemacht?" fragt Katja ehrfürchtig und mit klaffendem Mund. Es ist nur beim ersten Mal schwer, versucht Hanna ihr zu sagen.

Hanna hat soeben ihren ersten Menschen (einen weißen Farmer) erschossen und weiß schon, dass das zweite Mal leichter sein wird. Das klingt nach Django unchained und ballert sich auch munter durch die zweite Hälfte des Romans. Hanna streift die Waisenkindbürde und die Verstümmelung ihres Ankunftstraumas ab (nachdem sie dem deutschen Offizier den Penis abgebissen hat, wurden ihr Zunge, Brustwarzen und Schamlippen abgeschnitten) und führt als clevere, stumme Clanchefin ihre wachsende und bunte Outlaw-Truppe brandschatzend durch die Kolonie. André Brink bereitete den Roman zwanzig Jahre lang vor, schreibt er im Nachwort, sammelte Sagen und Mythen der Nama und Hereros - das sind die erfreulicheren Passagen - besuchte Archive und die historischen Orte, zum Beispiel den Hafen von Swakopmund, wo die Frauen nach wochenlanger Schiffspassage mit Booten an den Strand gebracht wurden, erwartet von Hunderten Männern.

Ich ziehe mein Tagebuch-Album aus dem Schrank und blättere nach Swakopmund, es ist genau zehn Jahre her, dass ich mit meiner Familie eine knapp vierwöchige Reise durch Namibia unternommen habe. Als wir in der Atlantik-Gischt nahe der Bismarckstrasse standen, wusste ich noch nicht, dass sich unweit eines der ersten Konzentrationslager der Menschheitsgeschichte befunden hatte. Dass wir über Schlachtfelder und Grabstätten eines unaufgearbeiteten Genozids reisten, begriff ich spätestens am Waterberg. Wir besuchten Lüderitzbucht, Windhoek, Okahandja, den Etosha-Nationalpark und die in der Wüste versinkende Diamantenstadt Kolmannskuppe. Wir sahen eine Robbenkolonie, Pinguine, Paviane, Zebras, Giraffen und Elefanten - es bleibt meine schönste und eindrucksvollste Reise. Auch wenn wir Uwe Timms Morenga im Gepäck hatten und Orte suchten, die er darin beschrieb, ausführlich beschäftigt habe ich mich erst nachträglich mit der Geschichte und den Geschichten des Landes. Morenga ist mein Lieblingsbuch geblieben, ich bin André Brink dankbar, dass er mich daran erinnert hat. Und ziehe das vergilbte Taschenbuch aus dem Regal.

Was treibt jemanden dazu, den Chimborazo zu ersteigen? Mit einem Freiballon über den Nordpol zu fliegen? Die Wüste Gobi zu durchqueren?

Gottschalk ritt durch eine Landschaft, baum- und buschlos, wie durch einen endlosen Steinbruch. Felshügel, die nach der brüllenden Hitze des Tages im Nachtfrost wie unter Kanonenschüssen zerbarsten. Luft, die sich langsam zur Mittagszeit verflüssigte. Die ferne Gebirgskette verwackelt. Dabei war die Luft so trocken, dass Nägel platzten und Lippen aufsprangen.

Was hatte er nur in dieser Steinwüste verloren?

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