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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Frische Bücher“ - Die Malerin aus Finnland
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 10.11.2016

Mein kleiner Buchladen: „Frische Bücher“ - Die Malerin aus Finnland

Das Leben der Malerin Helene Schjerfbeck, nacherzählt auf 450 Seiten – ist das spannend? Ja, und wie! Ich konnte das Buch kaum weglegen, trug es tagelang mit mir herum und suchte nach den Bildern, die mir so plastisch beschrieben wurden, dass ich nachts von ihnen träumte.

Wunderkind, anerkannt als Frau, in einer Reihe mit Picasso und Modigliani – so umreißt die Autorin selbst in einer Radiosendung das Besondere dieser Schwedisch-Finnin. Barbara Beuys hat schon andere große Frauen porträtiert (Hildegard von Bingen, Paula Moderson Becker, Sophie Scholl), bevor sie Helene Schjerfbeck untersuchte. Erst 2014 durch eine Einzelausstellung in der Frankfurter Schirn einem größerem Publikum bekannt geworden, ist Schjerfbeck bei uns noch immer ein Geheimtipp. Beuys benutzte (und übersetzte) erstmals etliche Briefe der Malerin an Familie und Freundinnen, Rezensionen, Reden und Biografien aus dem Schwedischen (und Finnischen). Reiste an die Orte der Lebensstationen und glich sie mit heutigen Gegebenheiten ab, woraus ein ungeheuer lebendiges und aufregendes Buch entstand. Welch Engagement, welche Fleißarbeit! Beinah jeder Schritt, den das elfjährige Wunderkind durch Helsinki nimmt, ist recherchiert – wird uns vor Augen geführt.

„Am 10. Juli 1873 konnte Helene Schjerfbeck ihren Geburtstag in dem Bewusstsein feiern, im Herbst als Elfjährige einen gewaltigen Schritt hinaus in die Welt zu machen. Sie würde täglich die Esplanadi entlanggehen mit den vielen Menschen, die zum Markt strömten. Am östlichen Ende der Esplanadi, gleich hinter dem 'Kapelli', würde sie den Mastenwald der Segelschiffe im Hafen sehen, während sie rechts in die die leicht ansteigende Unionsgatan bog. Noch vor der nächsten Querstraße, in der Nummer 20, hatte die Zeichenschule einige Räume gemietet.“

Der Autorin gelingt ein kurzweiliges Porträt Finnlands unter russischer Verwaltung und schwedischer Vor-Mundschaft. Die junge Malerin wird gefördert, erhält Stipendien und Preise, reist als Achtzehnjährige nach Paris, malt in der Bretagne und in Cornwall. Helene Schjerfbeck wird zeitlebens kaum finnisch sprechen, nicht heiraten, durch einen Unfall in der Kindheit gehbehindert bleiben und mehr als tausend Bilder hinterlassen, schließlich als eine der bedeutendsten Malerin Skandinaviens gefeiert werden. Russische Besatzung, Aufstände, zwei Weltkriege und mehrere Kunstepochen liegen hinter ihr, als sie hochbetagt 1946 in Schweden stirbt. Lebenslange Freundschaften mit Malerinnen, ein Förderer und Galerist, der schriftliche Austausch quer durch Europa prägen ihr Leben. Und unermüdliches Malen. Selbstporträts, Stillleben, Landschaften, vor allem aber Porträts moderner junger Frauen entstehen in reduzierten, konzentrierten Bildern. Als sie sich weigert, ihre Malerei in den Dienst des erwachenden finnischen Nationalismus zu stellen, wird sie zur Außenseiterin. Zieht in die Provinz, pflegt ihre Mutter. Erst eine Ausstellung in Helsinki bringt 1917 den Durchbruch in Finnland, eine Einzelausstellung 1937 in Stockholm ist der Triumph, der Schjerfbecks Ruhm als Meisterin der Moderne in Skandinavien begründet.

Ein berauschendes Buch über eine selbstbewusste unabhängige Frau, angereichert durch einige der wichtigsten Bilder Schjerfbecks und Fotografien der Künstlerin und ihrer Familie – ein Schatz!

Mein Lieblingsbild: Die Tür. Von der Zweiundzwanzigjährigen 1884 gemalt und bis 1917 zurückgehalten! Eine kleine Kapelle in der Bretagne, von Barbara Beuys auf zwei Seiten beschrieben – Chapelle Notre-Dame-de Trémalo. Eine Tür, die die Kapelle im Westen des Hauptschiffes abschließt.

„Auf ihrer Leinwand hat die Malerin die Tür – ein schwarzes hochstehendes Rechteck – an den linken Rand des Bildes platziert. Dadurch schafft sie rechts Raum für eine breite, helle Fläche, während sie den Fußboden als breite Fläche vor der Tür in mehrfach abgestuftem Braun malt. Der Farbdreiklang Schwarz-Hell-Braun, scharf gegeneinandergesetzt, schafft räumliche Tiefe. Die Malerin verzichtet auf die klassische Perspektiventechnik und schließt damit an den revolutionären Malstil von Cézanne an ...“

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