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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen - frische Bücher: 60 Kilo Sonnenschein
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
Zum piqer-Profil
piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 17.12.2020

Mein kleiner Buchladen - frische Bücher: 60 Kilo Sonnenschein

Drei Fjorde öffnen sich dem nördlichen Eismeer, es sind die nördlichsten Fjorde an Islands Küste ... Die drei Fjorde umgeben vier steil ins Meer stürzende Bergzüge. Auch die Berghänge in den Fjorden selbst sind steil und felsig bis zum Wasser, größtenteils unbegehbar... Stürme von See her, Schneestürme, Flutwellen und Lawinen sind keine Seltenheit.

Ein lauter Ruf gellte letzte Woche durch unsere Wohnung, wir horchten auf. Unser Sohn jauchzte: "ich hab sie, ich krieg den Mietvertrag!" Nach neun Monaten Suche hat es geklappt, er bekommt eine Plattenbauwohnung im neunten Stock mit Blick auf den Friedrichshain. Einundzwanzig Jahre (unterbrochen durch seine einjährige Australienreise) hat er mit uns gelebt. Einige Jahre wie in einer Dreier-WG. Zugewandt, konfliktarm, aber auch eng. In den letzten noch engeren Corona-Monaten saßen wir selten alle in der Küche und die Katze lief genervt von Zimmer zu Zimmer. Mauzte vor verschlossenen Türen.

Wenige Flecken auf der Erde sind jedoch während der drei Sommerwochen schöner, in denen die Sonne draußen vor der Fjordmündung sinkt, in ihrer präzisen Bewegung den Meeresspiegel soeben berührt und dann wie ein lavaglühendes Paradiespendel wieder in die Höhe schwingt. Dann sind alle Nächte wasserfallhell, über Gesträuch und Geröll liegt Friede, und die Schönheit der Natur ist so überwältigend, dass ein damit nicht vertrauter Reisender außer sich geraten kann.

Als erstes schenkte ich meinem Sohn meinen Hotelzimmer-Beistelltisch, das sind meist aus edelm Holz gefertigte, schmalere Tische - die wunderbar in eine kleine Neubauküche passen. Zur Besichtigung des neuen Heims wanderte der Tisch im Auto mit und ich stellte erst zu Hause fest, dass mir nunmehr ein Stehpult fehlte - ich habe meine Piqds und wichtige Texte immer stehend an einem Klapppult geschrieben, das in der richtigen Schreibhöhe auf dem Beistelltisch stand. Ich hätte heulen können.

...Regen, der hereinströmte. Der größte Teil davon landete zunächst auf einem dicken Balken, der in Hüfthöhe von Hauswand zu Hauswand quer durch den Raum verlief, sodass jemand, der sich in ein Bett legte, seine Beine darunter hindurchstrecken musste. Balken dieser Art waren in den kleinen isländischen Häusern nicht unüblich und hatten die Funktion, das Haus zu stabilisieren und zu verhindern, dass die Wände aus Steinen und Grassoden über den Bewohnern einstürzen. Dieser besondere Beitrag Islands zur Architekturgeschichte behinderte die Bewegungen der Menschen, weil sie ständig über den Balken klettern oder unter ihnen hindurchkriechen mussten.

Einen Abend lang zeichnete ich. Das große Holzbücherregal, das war klar, würde mein Sohn nicht mitnehmen. Ich spielte durch, was ich mit zwei langen schmalen, drei kurzen schmalen und zwei kurzen breiten Brettern anfangen könnte. Ich würde meinen kleinen Sekretär, der fünfzehn Jahre lang immer zu tief war (seine Lade erreichte aufgeklappt eine Höhe von sechzig Zentimetern) auf ein Podest stellen - um ein Stehpult zu haben.

Durch das Loch im Dach tropfte es in gleichmäßigem Takt direkt über einem Bett auf den Balken, doch es ließ auch Tageslicht herein - die einzige Lichtquelle unter dem Torfdach. Vom Balken tropfte das Wasser in einen hübschen Holzkübel, den man unter dem Balken aufs Bett gestellt hatte, doch der war längst voll, und so lief das Wasser weiter auf einen Bettüberwurf, der aus Fell oder einer oft ausgebesserten Tagesdecke bestand. Das Regenwasser sickerte zur Bettkante durch und fiel von dort in einem niedlichen Zwergenwasserfall zu Boden. (Island war eben vor allem Landschaft, draußen wie drinnen.)

Mein Sohn begann zu packen, ich half. Die Fußballpokale weg (Keller), die Tischtenniskellen mit, die kaputten Pistolen Müll, es ging schnell. Montag einen Akkuschrauber bei OBI gekauft, die alte Bohrmaschine meinem Sohn geschenkt, gestern mit Brettern, Bohrer und Zeichnung in den Keller gepilgert. Meine Werkstatt ist (coronabedingt) frisch aufgeräumt und aussortiert. Die Stichsäge hat ein verbogenes Sägeblatt (Mist, die Ersatzblätter sind für die weggeworfene Säge). Mit der japanischen Handsäge eben. Schiefe Ergebnisse, besonders ärgerlich bei den fünfzehn Zentimeter langen Beinen. Mit Holzleim fixiert, den Holzbohrer in den Akkubohrer gespannt - und: nichts. Der bohrt nicht, Bedienungsanleitung irgendwo oben in der Wohnung. Mein großer Hammer - in der Werkzeugkiste, die ich meinem Sohn gepackt (und schon hingefahren habe). Ok, der kleine Hammer geht auch. Ergebnis - alles fliegt durch die Gegend. Einmal drüber geschlafen, heute mit viel Elan genagelt, gebeizt und nach dem Buchladen-Gang ganz vorsichtig hochgetragen, den Sektretär draufgewuchtet - und jetzt schreib ich eine Rezension zu Hallgrimur Helgasons neuem Roman 60 Kilo Sonnenschein an meinem neuen Stehpult! Ich muss beschreiben, wie sehr ich gelacht hab beim Lesen, wie rückständig Island noch vor einhundert Jahren war und wie großartig Helgason Geschichten erzählen kann. Nicht nur die Landschaft malt er orgiastisch aus, auch die Menschen, selbst die unflätigsten, wachsen dem Leser ans Herz. Aber ich kann nicht mehr stehen, die Wanne ruft...

Die Berge hier waren jung und verrückt, an einem Tag von Eis bedeckt, am nächsten von glühender Lava. Hier herrschte entweder permanente Dunkelheit oder permanentes Licht. Hier gab es Wintereinbrüche im Sommer und Sommertage im Winter. Wasser war entweder so heiß, dass man keinen Finger hineintauchen konnte, oder so kalt, dass man darauf Schlittschuh lief.

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