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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen – Debüts: Erdbebenwetter
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Mittwoch, 04.11.2020

Mein kleiner Buchladen – Debüts: Erdbebenwetter

Du kannst nicht gehen, Gätzchen“, sagte ich und hielt sie fest in meinem Arm. „Und wenn, dann komme ich mit. Und glaub keine Sekunde lang, ich würde nicht nach dir suchen, denn ich bin auf derselben Straße direkt hinter dir. Ich werde dich nicht aus den Augen lassen.“

„Ach Ma, ich kann doch gar nicht weggehen. Wie denn?“, sagte Lola und sah mich über die Schulter hinweg durch ihre verschmierten Brillengläser an. „Du bist doch nur ein kleines Mädchen. Wer soll denn dann auf dich aufpassen?“

„Wir sind beide Kinder“, flüsterte ich. „Gemeinsam.“

„Und Sophie ist unsere Mommy“, murmelte sie, bevor sie einschlief.

Irgendwo vor Braunschweig klart es auf, ich sehe links die nassen Wiesen leuchten. Zwei Silberreiher stehen blendend weiß inmitten dampfenden Grüns. Rechts hängt noch Nebel über Feld und Bergen. „Ich fühle mich altersmäßig irgendwie zwischen euch, das geht doch gar nicht…“, murmele ich und drehe mich zu meiner Freundin, die uns am letzten Tag vor dem Lockdown zurück nach Berlin kutschiert. Wir haben Kassel besucht, ihre Mutter, welche keine zwanzig Jahre älter ist als wir und mit ihr die DDR verließ, als sie zwölf war, oder dreizehn. Früh auf jeden Fall und doch zu spät zum Vergessen. Meine Freundin schaut kurz zu mir, dann wieder nach vorn auf die Autobahn. „Doch, das ist genau so. Du bist ein halbes Ost-Leben älter als ich.“

"Überleg mal", sagte ich. "Zwischen dir und Sophie kann es gar keinen Geschwisterneid geben, weil du ihre Mommy bist, nicht wahr? Du bist nicht ihre Schwester. Und ich bin deine Mutter. Also. Und selbst wenn ihr beide, du und Sophie, meine Töchter wärt, wärt ihr mir beide gleich wichtig, obwohl du natürlich die ältere Schwester wärst. Allerdings hättest du dann nicht die absolute Macht über Sophies Leben, so wie jetzt. Verstehst du, was ich meine?"

Meine Freundin ist zwei Monate älter als ich, stellen wir in der Küche fest, beim selbstgemachtem Zitronenlikör ihrer Mutter. Wir reden über die DDR, vom Weggehen und Wegsein. Von Indien, Therapien und Sachen, die geholfen haben. Draußen regnet es und ich sehe zu, wie meine Freundin geduldig Dinge erklärt. Vom Kind in uns, das versöhnt sein will, oder verzeihen soll, ich verstehe nicht alles – wir wechseln zu Eierlikör. Aber ich sehe etwas. Das Alter schwankt. Bei den Therapien liegt meine Freundin vorn; wenn wir über Weimar, Ausreiseanträge und Knast reden, ist die Tochter Kind, lauscht den Großen. Reden wir über Punk und Rebellion, sind wir Schwestern. Als ich im Auto darüber nachdenke, steigt ein Buch frisch in mir auf, im Sommer gelesen und in seiner Nachwirkung noch unter der Haut. Erdbebenwetter von Zaia Alexander.

Es sei ein Hexenroman, schreibt der Verlag, Andreas Platthaus kündigt sein Messe-Interview mit der Autorin so an: „Ein Hexenzirkel in Los Angeles, sieben Jahre, um zur Kämpferin zu werden, eine Adoptivtochter, die von sich behauptet, ein vierundachtzig Jahre alter Chinese zu sein: Zaia Alexander hat einen magischen Roman geschrieben.“ Magisch ist tatsächlich, wie die Autorin ihre Figuren entwickelt. In großer Zuneigung zu allen Protagonisten baut sie einen Kosmos um die einsame und passive Ich-Erzählerin herum – lässt einen Mentor, eine Magierin, die blaugraue Katze Sophie und das Mädchen Lola auftauchen, die kürzer oder länger um Lou kreisen werden. Lou verändert sich allmählich, wird zu einer Läuferin und Macherin. Sie lebt mit Katze und Kind in einer Siedlung des undefiniert mystischen Clans, der sich auflöst, je mehr Lou an Stärke gewinnt. Grillen zirpen, Pflanzen wuchern, ein Kojote streift durch Gärten. Mitunter fällt sie zurück in die Rolle des vernachlässigten Kindes, Lola übernimmt die Mutterrolle...

Mich hat das Buch begeistert, merke ich, als ich meiner Freundin davon vorschwärme. Kann man sich verwandt fühlen mit einem Buch? Die Autorin hat ebenfalls eine geteilte Biografie, ist von Los Angeles nach Berlin gezogen, lebt heute in Potsdam, schreibt auf Deutsch und Englisch, übersetzt. Ihr erster Roman ist auf verblüffende Weise vollkommen. Zaia Alexander erzählt eine komplexe Geschichte um eine Frau, die auf dem Weg zu sich selbst ist – verzaubert, lustig und liebenswert. Wir lächeln, als wir an der Gedenkstätte Marienborn vorbeirauschen, die Sonne im Rücken, die Elbe voraus.

Ich hatte mein Dasein als Spaziergängerin in eine hohe Kunst verwandelt. Ganze Viertel hatte ich nach verborgenen magischen Ecken abgesucht, die mich woandershin versetzen würden. Täglich brach ich zu meinen Expeditionen auf, die spätnachmittags an der Thayer Avenue begannen und stundenlang dauern konnten. Es machte Spaß, Pfade zu entdecken, die für Autos unzugänglich waren, Grenzrouten, die unbemerkt ein Viertel mit einem anderem verbanden. Und obwohl ich mich davor fürchtete, im Dunkeln nach Hause zu laufen, ging ich immer weiter, ließ mich vom eigenen Schwung mitnehmen, von einem Viertel ins nächste treiben und hörte nicht auf zu gehen, bis ich schließlich nach dem Rückweg fragen musste.

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