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Literatenfunk

Mein autobiographisches Jahr mit Frauen - Folge 2
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Freitag, 30.12.2016

Mein autobiographisches Jahr mit Frauen - Folge 2

Eine knappe Woche bevor ich Rachel Cusk interviewte und circa ein Vierteljahrhundert, bevor ich das jetzt hier gerade tatsächlich aufschreibe, traf ich mich mit Antonia Baum. Es geht immer noch um eine ungeschriebene Reisereportage in dem Zustand des autobiographischen Romans 2016. Die Männer, die ich zu diesem Thema hatte portraitieren wollen, konnten alle nicht (oder rochen den Braten, Stichwort selbstmörderische Fragestellung „Wie wollen wir lesen?“): Ben Lerner musste seine gesamte Europatour wegen einer Lungenentzündung absagen. Heinz Strunk konnte nur 45 Minuten an einem Tag, an dem ich nicht in Hamburg war. Maxim Biller hatte unhaltbare Gesprächsforderungen (siehe auch Folge 0). Das Management von Stuckrad-Barre winkte sofort ab. Und mit David Wagner konnte ich mich bis heute auf keinen gemeinsamen Spazier-Termin einigen. Also mit Frauen.

Antonia Baum, immer noch Feuilleton-Redakteurin der FAS (glaube ich zumindest, ewig nichts gelesen), hatte gerad ihren Anti-Roman „Tony Soprano darf nicht sterben“ draußen. Cooler Fangirl-Titel, der natürlich unzulässig im Windschatten der besten Serie aller Zeiten fuhr (fuck „The Wire“!) und mich bereits in der Hoffmann&Campe-Vorschau wegen der angedrohten Tochter-Vater-Problematik komplett nicht interessiert hatte. Denn es ging irgendwie um das Verhältnis der Autorin zu ihrem Vater. Nachdem Baum einen richtigen Roman – „Wir fressen Stoßstangen und leben auf dem Schrottplatz“ oder so ähnlich – vorgelegt hatte, in dem ein Vater verunglückt, wäre kurz darauf ihr wiederum richtiger Vater (also nicht der aus dem Roman) auch fast tatsächlich bei einem Motorrad-Unfall ums Leben gekommen. Woraus sich für die Autorin die super Frage ergab: Will mich mein eigener Roman verarschen?

Das interessierte mich sofort. Außerdem bei Baum interessierte mich die Bezugnahme auf Joan Didion, beziehungsweise Joan Didions „Jahr des magischen Denkens“. Weniger der beiden – also Baums und Didions – Bücher wegen, sondern weil gerade in der Vanity Fair eine epische Abrechnung mit der Amerikanerin erschienen war: „How Joan Didion the Writer became Joan Didion the Legend“. Darin ging es um Starfucking in den 60ern, das Aufschlagen der Didion in LA und wie danach weder die Stadt noch die Schriftstellerin jemals mehr die selben geblieben waren. Genau so.

Oder vielleicht so: wie entsteht diese literarische, amerikanisch-weltweite Prominenz? Wie kommt es, dass jeder wichtige Hype der letzten Jahre – Bolaño, Knausgård, Ferrante (und mit Einschränkung auch Rachel Cusk), die ja alle noch nicht mal US-Amerikaner sind – es nur über das literarische Hothouse New York zu uns schaffen konnte? Und ab wann bleibt es eben immer bloß bei deutscher Roman-Verarschung?

Das meiste konnten wir uns bei unserem angetäuschten Businesslunch im Borchardt (ich hatte nur Apfelkuchen) natürlich auch nicht beantworten. Den Artikel über Joan Didion kannte sie auch gleich. Wir überlegten eine Weile, wen man hier heiraten müsste, um so berühmt und wirkmächtig wie Joan Didion zu werden (Heiko Maas?) und ob jemand wie Antonia Baum darauf bis zur bitteren Berühmtheit überhaupt Bock hätte – „als Experiment, ja“. Ist aber nun mal kein Experiment, sondern müsste leider real durchgelebt werden. Antonia Baum erschien mir als eine ganze Generation von jungen, hochausgebildeten und seltsam frühprofessionellen Gutschreibern, die ihr ganzes Romanschaffen darauf auslegen, journalistisch beim Spiegel oder der FAS festangestellt zu werden, um dann doch lieber wieder Romanautor sein zu wollen. (Statt Artikel-Schreiben fürs FAS-Feuilleton als den besseren Roman voranzutreiben …)

Antonia Baum überraschte mich an diesem Nachmittag im Borchardt nur mit dreieinhalb Sachen:

1. Wie sie beim Reinkommen den gerade rauskommenden dicken Türsteher vom Kingsize umarmte.

2. Was für eine zarte, fast schon ätherische Person sie war, eine damenhafte Erscheinung in Mantel und Kleid und mit kleinem Pflaster am Ohr, die sich für deutsche Rapmusik begeistert und sympathischerweise soziologisch auch nicht erklären konnte, wie sich dieses assimäßige Rumgebitche mit ihr als Frau vertrug…

2.5 … (die sympathische Offenheit, mit der sie einen dann zurückfragte).

3.5 Dass sie irgendwas sexy fand (ich glaube, das Magazin, für das ich gearbeitet hatte).

Im Gegenzug konnte ich sie nur mit dem roten Sweater überraschen, auf dem I FEEL LIKE PABLO – THIS IS AN ULTRALIGHT BEAM stand und in dem sie mich in der hintersten Sitzecke der leeren Restauration fast nicht erkannt hätte. – Wer riskiert heute noch ein Ich im intimen Alleinsein-Medium Roman?, das verstanden wir beide allerdings sofort: Don’t stop believing…

Nächste Folge im neuen Jahr: 2016 und the leftovers – Obamas Lieblingsbuch, Licht und Zorn!

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