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Literatenfunk

March Madness 1 — Vertraute Fremde VS Patience
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Mittwoch, 22.03.2017

March Madness 1 — Vertraute Fremde VS Patience

Für ein paar Tage im Frühjahr war ich nach Polen gefahren, weil ich dachte, ich könnte dort besser schreiben. Ich hatte das schon öfter gemacht, aber diesmal funktionierten die polnischen Hamptons nicht mehr. Wenn man dramatisch drauf wäre (also eigentlich nie), hätte man sagen können, es war der totale Reinfall, und das schreibe ich jetzt nur hier hin, um das Prinzip des literarischen Mehrwerts anzutippen: denn für das Schreiben ist jeder Reinfall mit dem Schreiben natürlich pures Roman-Gold.

Am schlimmsten/besten war es gleich bei der Ankunft, an einem Dienstagabend: Noch im Zug hatte ich extra in der Zeitung nachgeschaut, ob die Pokalpartie auch übertragen wird, weil ich wusste, dass es im Hotel deutsches Fernsehen gab (alles andere wäre zu wenig Vertraute Fremde gewesen) und ein bisschen Fußball die perfekte Hintergrundtapete zum Schreiben gewesen wäre. Aber dann lief auf dem richtigen Kanal das falsche Programm. Kein Fußball, nur eine Tatort-Wiederholung aus Berlin. Dieser kurze Moment der kompletten Verstörung war die Reise allein schon wert gewesen: ich fühlte mich wie in ein Zeitloch gefallen (war wirklich Dienstag? ist noch 2017?). Das Gefühl dauerte ungefähr eine viertel Stunde, dann blendeten sie endlich den Programmhinweis ein, dass die Partie wegen Schneefall hatte abgesagt werden müssen.

Das passt insofern perfekt zu den beiden hier vorgestellten Büchern, weil es in ihnen auch um Zeitlöcher und Aus-der-Welt-Fallen geht. Da ich schließlich selber schreiben musste, hatte ich mir nach Polen nur die Graphic Novel „Vertraute Fremde“ (Carlsen) von Jiro Taniguchi mitgenommen – Stichwort: wenig lesen, viel schauen.

Auf Jiro Taniguchi war ich durch einen Nachruf im Tagesspiegel aufmerksam geworden. Unter der Überschrift „Meister des stillen Mangas“ wurde der mit 69 Jahren gestorbene Mangaka gewürdigt, der in der europäischen Zeichentradition der Ligne Claire mit spaziergängerischen Stories voller Alltags-Poesie vor allem außerhalb der japanischen Heimat als großer Melancholiker gefeiert wurde. Auch hier gilt wieder (siehe Einstieg): was für den Menschen bitter ist (Sterben), kann für den Autor immer noch ein Glücksfall sein (durch Nachrufe neue Leser gewinnen).

Jedenfalls besorgte ich mir nach diesem Artikel sofort Jiro Taniguchis autobiographisches Opus Magnum „Vertraute Fremde“. Es handelt von einem 48-jährigen Architekten, der nach einer Geschäftsreise in den falschen Zug steigt und in der Stadt seiner Kindheit landet. Dort erleidet er am Grab seiner Mutter eine Art Zusammenbruch. Als er wieder zu sich kommt, ist er innerlich immer noch 48, aber um ihn herum alles anders: er ist als 14-jähriger Schüler in den Sommer zurückgekehrt, als sein Vater die Familie verließ. In dieser vertrauten Fremde der eigenen Vergangenheit fühlt er sich bald wie in einer Zweiten Chance zuhause: er ist plötzlich gut in der Schule, kann rauchen und Whiskey trinken, beliebt bei den Mädchen und selbstbewusst genug, zu glauben, er könne das Vater-Schicksal diesmal ändern. Back to the future: in traumhaft detailliert gezeichneten Panels schert sich Taniguchi nicht eine Sekunde um den Second-Hand-Charakter des Konflikts, sondern erzählt seine Story einfach nur wunderbar unaufgeregt und sorgfältig ausgemalt zu einem keinesfalls einfachen Ende. Die epischen 16 Kapitel haben schön langweilige Zwischenüberschriften, die klingen wie Romantitel von Murakami („In Sommerlaune“, „Eine schöne Frau“, „Der Reisende der Zeit“) und eigneten sich gut zum Einschlafen nach einem harten Bad Writing-Day. Einziger Kritikpunkt: das dem Taschenbuch-Format geschuldete winzige Lettering nervt beim Lesen doch enorm – help the aged! – hier hätte der Verlag gern mit einer opulenteren Ausgabe größer denken können.

Genau das hat der immer hervorragende Reprodukt-Verlag gerade mit Daniel Clowes‘ neuer Graphic Novel „Patience“ gemacht: ein großzügig koloriertes Hardcover (zum allerdings auch doppelten Preis) herausgebracht, das lediglich – gedruckt in Vilnius – mir – zurück aus Polen – nach dem Auspacken mit seinem hardcore Farbgeruch genauso Kopfschmerzen verursachte wie die Story. Denn Daniel Clowes, der David Lynch der amerikanischen Comic-Szene (am bekanntesten vielleicht „Ghostworld“, am besten „David Boring“), schickt seinen Helden auch auf eine Zeitreise, die allerdings mit ihrer High-Speed-Action wie der noch mal ganz anders dunkle, super schlecht gelaunte Gegenentwurf zu Taniguchi wirkt:

Im Zentrum steht der Mord an „Patience“, der schwangeren Ehefrau und großen Liebe des US-Niedriglohnarbeiters Jack Barlow. Jack hat nichts mehr zu verlieren und setzt alles daran, den Mord aufzuklären beziehungsweise zu verhindern: im Jahr 2029 stößt er auf eine Zeitmaschine, mit der er fortan wild zwischen 1985, 2006 und dem Mord-Jahr 2012 hin- und herspringt, um sich immer abstruseren Rache- und Rettungsszenarien auszuliefern. Wo Taniguchi nicht vor einer gewissen Langweiligkeit im Zeichen des Zen zurückschreckt, begegnet Clowes genauso mutig den genrespezifischen Problemen mit der Erzähllogik in Sci-Fi-Plots: sein Anti-Held fühlt sich oft, „als wäre ein Teil meiner Seele noch irgendwo da draußen im Nichts und ich nur so `ne chinesische Billigkopie aus dem allerletzten Schrott.“

Hatte mir der sanfte Taniguchi noch beim Einschlafen in Polen geholfen, stand ich jetzt allerdings zurück im Berliner Raum-Zeit-Diskontinuum mit dem kruden Clowes hellwach im Bett. Geholfen beim Schreiben haben mir beide – meine Seele wie so `ne japanische Billigkopie aus dem alleramerikanischsten Schrott läuft wieder wie geschmiert.

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