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Lottmann 2: Writers In Cars Getting Coffee

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelDonnerstag, 01.04.2021

(...)

Zwischendurch versuche ich es durch die FFP2-Maske mit Literatur. Stichwort Lügen und Autofiktion, das Schreiben der anderen: Carrère muss wegen des Scheidungsvertrags mit seiner Frau diese aus seinem Bestseller „Yoga“ wieder wegerfinden. Takis Würger ernennt sich selbst im Buch „Noah“ zum Erzähler eines Holocaust-Überlebenden. Christian Krachts Nazi-Bashing der eigenen Familie in „Eurotrash“ … – Aber das kennt Lottmann alles nicht. Beziehungsweise Kracht natürlich schon, er hat die Spiegel-Rezension gelesen und meint: „Der beste Roman der nächsten zwei, drei Jahre“.

Also lieber über Lügen und Autofiktion in der Politik: Ob nicht das einzig Authentische an Trump gewesen sei, dass er so offen gelogen hat? Aber so will Lottmann nicht über Trump nachdenken. Dafür verabscheue er zu sehr dessen aggressives Verhalten, Trump als Bully und Business-Mafioso. Zum Glück für Deutschland gäbe es hier niemanden, der so wäre. Oder, Lottmann überlegt kurz, höchstens: „Nagelsmann!“ – Echt, der Trainer von Red Bull Leipzig? Verfolgt Lottmann die Bundesliga? Nein, nein, der sei ihm nur spontan eingefallen, weil der auch so aggressiv rüberkomme.

Lottmann weist den Nachfrager sanft zurecht: „Sie müssen schon aufpassen: Ich mag keine Meinungen! Das steht auch hinten auf meinem Buch drauf.“ Wir gurken mittlerweile auf Nebenwegen und Kleinstraßen durch Weißensee. Das Navi hält uns auf Kurs. Ich stelle mir vor, dass Lottmann hier vielleicht wohnen könnte, aber dann geht es doch immer weiter und der Fahrer macht ein paar sehr allgemeine Bemerkungen über ostdeutsche Spaziergänger, die sich vereinzelt in die Nachmittagssonne raustrauen. – Zeit für ein bisschen real talk: Ich sage ihm, dass ich ganz gern in „Sterben war gestern“ reingelesen habe, zum Beispiel wie sich der alternde Ich-Erzähler seiner Frau zuliebe in verhasste Fitness-Studios begibt, aber ca. auf Seite 26 ausgestiegen bin, als Ich-Erzähler Johannes Lohmer sich auf dem Sommerfest des LCB in die Influencerin „Lana de Roy“ verliebt. Zu bekloppt, der Name. – Lottmann stimmt sofort enthusiastisch zu: „Ja, oder? Den muss mein Lektor Helge Malchow da reingeschrieben haben.“

Wir sind inzwischen in einem Industriegebiet. Auf dem Hansaring wendet Lottmann plötzlich, dann sagt das Navi, wir hätten unser Ziel erreicht. Wir biegen rechts ab, fahren an einer Tankstelle vorbei und landen bei der Dekra. Lottmann hat uns feierlich zur TÜV-Prüfung seines kleinen, roten Nissan gefahren. Hier endet alles in großer Freundlichkeit: Der nette Prüfer meint, das ganze Prozedere würde nicht länger als eine halbe Stunde dauern (witziger Moment, als er im Fahrzeugschein zur Vergewisserung den Namen des Fahrzeughalters vorliest: „Lottmann?“ – Ja, es gibt ihn also wirklich). Wir nutzen die Zeit, um uns bei der Star-Tanke nebenan mit Kaffee, Bounty, Snickers und der Jungen Welt zu versorgen. Dann stellen wir uns raus in die Abendsonne, ich mache ein Foto, Lottmann erkennt sofort, dass ich ein Nokia 3310 habe. Ich versuche es noch mal mit ein paar Fragen zum Literaturbetrieb, stoße aber nur auf sympathisches Desinteresse (Weidermann, Scheck, Dorn – findet er alle gut, nur aspekte und Böhmermann hält er nicht aus). Lieber erzählt er mir noch ein bisschen was über die Anfänge seines Schreibens, wie er z. B. bereits mit fünf seinem älteren Bruder Beiträge für die Zeitung, die die beiden gemacht haben, diktierte, bis er dann selbst schreiben konnte.

Dann stellt er zum ersten Mal heute auch mir noch eine Frage: Ob ich schon mal in Israel war? Um mir zu erzählen, dass er selbst auch schon in Tel Aviv war, ein Jahr lang. Eine beglückende Erfahrung: Wie gut es sei, dass es dieses Land gebe.

Lottmann hätte mich dann noch gern zu einer Bekannten mitgenommen, aber ich habe leider keine Zeit mehr und verabschiede mich, um die Tram nach Mitte zurück zu nehmen. Auf dem Weg zur Haltestelle, wo ich lange auf die M4 warten muss, fühle ich mich seltsamerweise kein Stück lost. Sondern eher erleichtert und fast schon froh, als wäre ich durch die Begegnung mit Joachim Lottmann von einer tonnenschweren Last der Meinungen über Literatur befreit.

Und als ich in der Tram die Berliner Straße runterfahre, überholt uns tatsächlich noch mal Lottmann, in seinem kleinen roten Nissan, der, wie er mir anderntags mailt, den TÜV problemlos bekommen hat („schade, dass Sie den Höhepunkt des Tages verpasst haben!“). Lottmann sieht mich nicht in der Tram, aber ich habe auch nicht gewinkt und notiere mir stattdessen sein Kennzeichen.

Lottmann 2: Writers In Cars Getting Coffee

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