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Lethems langweilige Lesereisen
Kathrin Passig
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piqer: Kathrin Passig
Samstag, 10.12.2016

Lethems langweilige Lesereisen

Ich bin ein Leseprobengimpel, ein leichtes Opfer für Bücher, die vielversprechend anfangen. Am schlimmsten ist es, wenn ich die Leseprobe vor dem Start im Flugzeug lese, die (grundlose) Angst, stundenlang ohne Lesestoff dazusitzen, bringt mich dann dazu, wie in diesem Fall, 15,99 € auszugeben, schnell, bevor es zu spät ist!

Bruno Alexander, der Protagonist von Jonathan Lethems "A Gambler's Anatomy" steckt am Ende der Leseprobe gerade in Kladow mitten in einem Backgammonspiel um viel Geld, und ich wusste gar nicht, dass man Backgammon überhaupt professionell spielen kann. Unbedingt wollte ich mehr darüber erfahren und außerdem herausfinden, ob Alexander, der die Handlung mit knapp 60 Euro in der Tasche betritt, sie als reicher Mann wieder verlassen wird. Dabei hätte ich gewarnt sein können. Auf diesen wenigen Seiten wird bereits die Wannsee-Konferenz erwähnt, Alexander hat eine Frau namens "Madchen" kennengelernt und mit ihr über "Kuffenlinksen" geplaudert. Nazi-Disneyland, albernes Deutsch und Frauen, die Gretchen oder schlimmer heißen – außerhalb der Startbahnsituation wäre ich darauf nicht reingefallen.

Im weiteren Verlauf des Geschehens befindet sich Bruno Alexander in Singapur, der Charité, auf verschiedenen Flughäfen und in San Francisco. Ihm geschehen diverse Dinge, eine Romanhandlung ist aber nicht dabei. Ich glaube, solche Bücher sind die Folge von zu vielen Lesereisen: Länder werden aufgesucht, Gerichte und Getränke eingenommen und wieder erbrochen, neue Kleidung gekauft, Menschen getroffen, Zimmer bewohnt und Termine eingehalten. Sinistre Gestalten, in deren Schuld der Protagonist steht (Verleger, Vorschüsse) kommandieren ihn zu diesen ansonsten unverständlichen Einsätzen ab, freundliche Frauen in unklaren Handlangerberufen umsorgen ihn und gehen bereitwillig mit ihm ins Bett (alle). Ab und zu erzählt jemand seine Lebensgeschichte. Über Backgammon weiß ich jetzt nicht mehr als vorher.

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