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Literatenfunk

Grundlagenforschung im Dickicht

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelMontag, 30.11.2020

Große Großstadt-Verteidigung von Claudius Seidl, letzte Woche in der FAZ: Gegen die aktuellen Pläne, sie zu verdörflichen, zu begrünen, stillzulegen. Für Ruhe, gute Luft und enge Nachbarschaft ziehe man nicht nach Berlin (Berlin, weil z.B. schon München für richtigen City-Blues zu nice ist). Sondern für Anonymität und Abenteuer, Einsamkeit und Freiheit ... und, möchte man gerade in diesen Tagen noch hinzufügen, für das Recht auf schlechte Laune. Seidl nahm bei seiner Polemik ausdrücklich auch die Literatur in die Pflicht:

Es geht um die Fremdheit und die Einsamkeit ... Um die Freiheit und die Gefahr, eine Erfahrung zu machen, mit der man nicht gerechnet hat, und die einen womöglich aus der Bahn wirft.

Zwei gute Beispiele schlechtgelaunter Großstadt-Beschwörung sind die neuen Bücher von Anke Stelling (Grundlagenforschung. Erzählungen, Verbrecher) und Nina Bußmann (Dickicht. Roman, Suhrkamp). Es geht um das große-kleine Scheitern in und an der Großstadt (also Berlin) - das allerdings von beiden literarisch komplett verschieden bearbeitet wird und sich dennoch gut gegeneinander vergleichen lässt.

Anke Stelling nimmt seit Jahren mit ihren Klare-Ansage-Texten jenes biodeutsche Prenzlauer-Berg-Milieu auseinander, gegen das auch Seidl vorgeht. Hochfliegende Kunstprojekte, alternative Lebenskonzepte, Kampf dem bürgerlichen Erbe - nur um dann umso härter auf Subvention, Selbstsorge, Kleinfamilie zurückzufallen ("Klischees können nur vermieden werden, wenn man die eigene Wohnung nicht verlässt", Jens Bisky). Furios schlecht gelaunt startet Stelling in ihre Texte über Leute, die Claudia und Heiner heissen: "typischer Fall einer Liebe aus zweiter Hand". Claudia macht was mit Schreiben und bekommt noch mal den lässigen Lebenskünstler Heiner ab, Gitarrist & Maler ("... als Brite hätte er es geschafft"). Sie ervögeln sich zu Michael Jackson noch mal ein Kind, bevor die Beziehung etwas zu mittelfristig und beiderseitig erschöpft, enttäuscht, erwartbar in die Brüche geht: sie als "psychotische Ex", er als unlucky loser endet. So weit, so blah.

Das Problem von Anke Stellings Stories (vgl. auch die ausführliche taz-Rezension im Hauptlink unten) ist, dass sie mit einem eigentlich ganz reizvollen, antiliterarischen Mainstream-Ressentiment gegen die Literatur (das Übersensible, Unentschiedene, Verkopfte an ihr) startet. Um ihre Fälle dann aber in vermutlich zwei Stunden Schreibzeit zu erledigen (Motto "fertig werden"). Mit spürbarem Unwillen gegen jede nachdenklichere Beobachtung über Bohème oder Berlin, wie es überzeugte Dörfler  in Wernigerode oder Westerrönfeld sicher ähnlich empfinden.

Das genaue, vielleicht zu skrupulöse Gegenteil davon ist Dickicht von Nina Bußmann. Hier geht es ebenfalls um drei Großstadt-Existenzen: die Alkoholikerin Ruth, die in der Therapie das wandelnde Helferin-Syndrom Katja kennenlernt und nicht genau weiß, wie sie mit dem linken Aktivisten Max befreundet ist. Alle suchen den Rausch und riskieren den Absturz aus einem zusammenhängenden Narrativ, das es längst nicht mehr gibt.

Mit dem hochartifiziellen Fragmentarismus, der Vereinzelung von Lebensläufen und Ereignissen, scheint Bußmann gegen die Anforderungen des literarischen Mainstream-Plots zu rebellieren. Und übertreibt dabei genau wie Stelling - nur aus entgegengesetzter Richtung kommend und mit schöneren Scherben beim Aufprall mit der Realität: Da steht dann die große Wut auf den Flaschensammlertyp vor dir am streikenden Pfand-Automaten rum. Oder ein der Therapiegruppe abgelauschtes Erzählprinzip:

Groß denken wurde abgelehnt, Bilder von Demut begrüßt: wie jemand Tag für Tag neu den Schnee vor seiner Tür schippt. ... Grandiosität, Ideen von höherer Bestimmung, Stolz auf undurchdringliche Probleme: All das gehört zur Struktur der süchtigen Persönlichkeit. Es ist nichts Besonderes. Überhaupt nichts Besonderes.

Es war klar, dass viele sich ihre Geschichten zurechtlegten, den Einstieg oder auch das Ganze. Sie wollten sie nicht bloß teilen und sich vergewissern, dass man das in dieser oder ähnlicher Form schon oft gehört hatte. Sie wollten etwas hinterlassen. Manche schienen geschult im Sprechen, andere nicht, manche brachen anscheinend ohne Vorsatz vor der lauschenden Runde zusammen. Viele Geschichten wirkten schwer glaubhaft und waren mit Sicherheit wahr. Beim Lügen würde man sich doch um Wahrscheinlichkeit bemühen.

Irgendwo zwischen Grundlagenforschung und Dickicht blüht und gedeiht sie weiter: die schlechtgelaunte Großstadt, im Winter der Kontaktbeschränkungen.

Grundlagenforschung im Dickicht

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