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Literatenfunk

Ein autobiographisches Jahr ohne Frauen — Folge Thornton
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Donnerstag, 09.02.2017

Ein autobiographisches Jahr ohne Frauen — Folge Thornton

Super Zitat aus dem Buch der Stunde – Karl Ove Knausgårds „Amerika der Seele“ (mit ein bisschen Glück schafft man es bis Mai, den 500-Seiten-Schinken durchzulesen, denn dann kommt der 1000-Seiten-Schinken „Kämpfen“). Auf Seite 339 in dem Essay „Das Leben in der unendlichen Sphäre der Resignation“ schildert der Norweger folgende Begebenheit auf einer Lesereise im Libanon mit einem Araber:

Nach der Lesung wendet sich ein Araber, der ungefähr Mitte sechzig ist, an mich und fragt in gebrochenem Englisch, woran ich gerade arbeite. Ich verstehe, dass auch er Schriftsteller ist. Ich antworte, dass ich derzeit Essays schreibe. Er fragt, geht es um Politik? Ich überlege, schüttele den Kopf und sage, no, not politics. Er sieht mich kurz an, dann dreht er sich wortlos um.“

Seit Wochen lese ich praktisch alles über Stephen Bannon und bewege mich dabei auf einen diffusen Tiefpunkt zu, den wir vielleicht alle gerade spüren. Ein wenig Beruhigung spenden allein die angenehm unaufgeregt nacherzählenden Artikel von Andreas Ross, für die FAZ in Washington vor Ort, eine echte Entdeckung in diesen Tagen der Krise. Zuletzt gestern über „Trumps Welt und ihr Hintergrundrauschen“ (Untertitel: „Abermals lässt sich die amerikanische Presse vorführen – ein Plan von Trumps Einflüsterer Stephen Bannon?“), in dem es darum geht, wie das Trump-Regime die Washingtoner Presse mit der Falsifizierung von Fake-News beschäftigt und ablenkt – und damit die Elite der versammelten Politikreporter im Grunde zu Literaturkritikern degradiert, die sich gegen einen immer fragwürdigeren Roman nur noch damit wehren zu können scheinen, dass sie dessen Wahrheitsgehalt prüfen müssen.

Aber es gibt auch ein wenig Licht in der Dunkelheit (oder autobiographischen Eiseskälte) dieser Berliner Februar-Tage. J.R. Thorntons „Beautiful Country“, der Roman, den ein findiger Kai Diekmann bei seinem BILD-Interview tatsächlich auf Trumps Schreibtisch entdeckte, ist endlich eingetroffen – und wesentlich besser als befürchtet.

Zwar ist der Plot eine totale Pistole von einem Tennisschläger – der vierzehn Jahre alte Tennis-Champ Chas Robertson wird von seinem Hedge-Fonds-Manager-Vater aus den Hamptons ein Jahr lang nach Peking verbannt, wo er sein Spiel verbessern und den Tod seines geliebten älteren Bruders verwinden soll, der an einer Überdosis schlechtem MDMA starb, nachdem schon die Mutter in der frühesten Kindheit des Protagonisten brutal von einem LKW umgemäht worden war … – aber wenn man sich durch diese ersten drei (!) Seiten gekämpft hat, in denen der junge Autor den in Amerika gerade grassierenden Bedarf an Schicksals-Porno routiniert so lakonisch wie möglich abzudecken scheint, wird man danach mit einem frischen Neustart des Debütanten belohnt.

In einem packend klaren Jugendbuch-Englisch, das in seinen besten Momenten an den allerdings auf deutsch schreibenden Benedict Wells erinnert, beschreibt Thornton das Leben in China und den harten Drill unter jugendlichen Einzelsportlern. Untergebracht beim chinesischen Geschäftsfreund seines Vaters wird Chas jeden Tag vom Driver Wu und seiner Aufpasserin Victoria durch die Smog-Verkehrshölle von Peking zum Training und zur Sprachschule gefahren. Die Bedingungen in dem Tenniskomplex sind steinzeitlich, die Trainerin Madame Jiang hat keine Ahnung von Tennis, aber die Mitspieler alle erstaunlich gut und auf Anhieb sympathisch. Der Klassespieler Bowen schenkt ihm beim ersten Test-Match ein paar Spiele, damit Chas überhaupt ins Team aufgenommen wird. Beim Drehen des Wilson-Schlägers („W oder M?“) für die Aufschlag-Wahl fühlt Chas sich zum ersten Mal in der überwältigenden Fremde heimisch, einfach nur wegen eines kleinen vertrauten Rituals. Super auch, wie Chas seine Betreuerin Victoria auf den stundenlangen Autofahrten im Stau fragt, was sie gerade liest: „Hundert Jahre Einsamkeit“ von „Ma-er-ke-si“, you know him? – Noch nie gehört. Aber Chas guckt auf seinem iPhone nach und entdeckt, dass in China die ganzen Old Fucks (Marquez, Salinger) die absoluten Megaseller sind, weil die gerade erst übersetzt wurden.

Nun kann man leider unmöglich wissen, ob der gerissene Hollywood-Leninist Bannon das Buch einfach nur als Desinformations-Manöver für Literatur-Detektive wie uns und Diekmann auf Trumps Schreibtisch platziert hat. Und unglücklicherweise sieht der junge J.R. Thornton auf dem kleinen Autorenfoto auf der U4 dann auch tatsächlich ein bisschen wie ein Young Trump in schwarzhaarig aus, geht dafür aber immerhin frei und offen und ohne viel Federlesen mit seiner ganz normalen amerikanischen Arschloch-Elite-Vita um („… graduated from Harvard in 2014 where he studied history, English and Chinese. An internationally ranked junior tennis player, he later competed for the Harvard men’s team and on the professional circuit. As a teenager he lived in Beijing and will return to China in the fall of 2016 as a member of the inaugural class of Schwarzman Scholars …” – whatever that may be, bitte selber googeln)... Aber:

Allein schon die Möglichkeit, dass Trump oder meinetwegen auch bloß young Barron überhaupt mal einen Blick in das schöne "Beautiful Country" reinwerfen könnten, um ein bisschen was von der Welt außerhalb der First Nation zu erfahren, ist ein bescheidener Hoffnungsfunke in diesen merkwürdig unpolitisch-politischen Tagen.

Dem ich – man möge es mir verzeihen oder mich mit Nicht-zu-Ende-Lesen strafen – einen kleinen weiteren hinzufügen möchte, diesmal rein privater Natur. „Verdammt, ich hab hier ja seit Ewigkeiten Rainald Goetz nicht mehr gesehen“, dachte ich wortwörtlich beim Betreten des Chaussee-Straßen-REWE vorgestern. Und machte dann in bedrückter Goetz-doesn’t-live-here-anymore-Stimmung meine Winter-Einkäufe. Nur um ihm dann beim Verlassen des Supermarkts praktisch in die Arme zu laufen. Das heißt, wir eilten natürlich stumm aneinander vorbei, aber ein kurzer freundlicher Blickkontakt unter dicken Mützen war trotzdem drin. – Shed a light on Mitte!

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