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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Mittwoch, 20.05.2020

Ein anderes Leben

Wir, Restbestände der sogenannten "Autonama" (Autorennationalmannschaft), hatten uns die letzten Wochen montags auf den Felsen hinter den DB-Türmen getroffen, um dort statt Training smart distancing zu machen. Wir nannten uns "Denksportgruppe", weil wir nur noch Flaschenbier tranken und ehemalige Fußballstars anhand einer Liste anderer ehemaliger Fußballstars errieten, mit denen sie mal im selben Team gespielt hatten. Irgendwann kam das Gespräch trotzdem immer auf Literatur (sorry). Neue und alte Namen poppten auf: zwischen "noch nie gelesen", "musst du unbedingt lesen" oder "kann sich besser gleich erschießen".

An einem dieser schönen Abende unter dem erschreckend blau nachleuchtenden Himmel aus Winnetou 1 bis 3 kam die Rede auf Per Olov Enquist. Jan B., unser Mittelfeld- und Skandinavistik-Experte, legte uns den kürzlich Verstorbenen, von dem ich leider noch nicht mal die Nachrufe gelesen hatte, nachdrücklich ans Herz:

Fußballer (Torwart!), Leichtathlet ("Was denn?" - "Hochsprung." – “Straddle oder Flop?“ - "Schon Flop..."), Alkoholiker (Knausgård!), schrieb auch Autofiktion (Doppel-Knausgård!) … das reichte mir an Information, um mir nach kurzer Internet-Recherche am nächsten Morgen seine Autobiographie "Ein anderes Leben" (Fischer) in der Tucholsky-Buchhandlung zu bestellen, für meine Mutter zum Geburtstag (die allerdings gerade was ganz anderes von ihm gelesen hatte, einen historischen Roman, der mich nicht im mindesten interessierte).

Vorher las ich aber natürlich selber rein. Und wurde sofort fündig. Im achten Kapitel von "Ein anderes Leben" beschreibt er seine Zeit in Berlin 1970, als er einen Roman über "Sport und Politik" schreiben will. Dabei ist eher Sport "das einzige Gebiet, auf dem er sich zu hundert Prozent auszukennen glaubt" ("Was er über Sport liest, kommt ihm amateurhaft vor. Die Zweifler verstehen nichts, die Gläubigen können nicht schreiben.").

So zieht es ihn immer wieder ins Olympiastadion zu Hertha BSC:

Es war kalt in jenem Winter in Westberlin, die abnorme Kälte gab diesen Samstagnachmittagen in der Bundesliga eine besondere und fast unwirkliche Atmosphäre. Die schwere und brutale Atmung, die er erlebte, als er zum ersten Mal das Olympiastadion betrat, sollte in diesem Jahr in Berlin alles prägen ... Er war aus den Katakomben der U-Bahn heraufgekommen, aus der unterirdischen Tiefe hinauf ans Licht, wie ein Teil einer schwarz wimmelnden Masse; er konnte sehen, wie die Köpfe, Atemzüge und Rücken sich zu einem großen, dampfenden Tier formten, das langsam und doch erregt zielstrebig durch die Sperren und Tore drängte und sich auf den noch schneebedeckten, nur notdürftig gefegten Blöcken verteilte. Es stank nach Currywurst, und die Kälte, die grau einfallende Dämmerung und der verschlammte Schneematsch gaben den Spielen eine furchterregende Atmosphäre. Hitlers altes Olympiastadion öffnete sich, grau und brutal, im beißenden, eiskalten Wind.

Dies war die Arena, die von innen immer überwältigender wirkte als von außen, und diesen Winterspielen eignete außerdem in ihrer windgepeinigten, hitzigen Eiseskälte eine merkwürdige Schönheit. Bei diesem ersten Mal konnte er kaum die Umrisse der Tribüne auf der Gegenseite erkennen, er sah den schräg treibenden Schnee, das schmutzig grüne Rechteck des notdürftig geräumten Platzes, die eisblauen Speere der Scheinwerfer durch das am Ende umfassende Dunkel, und dann die Stimmung, die nicht nur den für die Bundesliga üblichen gehässigen und gekränkten Grundton besaß, sondern auch eine Beimischung aus Kälte, Überdruss, Wut, Feuchtigkeit und dem Druck der grauen Betonwände hatte. Aufwärts geklettert an den grauen Wänden des Riesenkessels sah die Volksmasse aus wie ein sich bedrohlich breit machendes, schmutzgraues, sich festkrallendes Tier, das vor Zorn oder Enttäuschung brüllte, das überempfindlich und brutal reagierte und keinerlei Barmherzigkeit kannte, angefangen bei der Vorstellung der Spieler der Gastmannschaft (Na und? Na und? Na und?) bis zu den höhnisch skandierten Rufen bei jedem Fehler auf seiten der Gäste, Üben! Üben! Üben!

Hierher kamen sie mit ihrem Gefühlsleben.

Die Passage geht noch weiter und gefiel mir so gut, dass ich nach dem ersten sterilen Bundesliga-Geisterspieltag des letzten Wochenende fast schon Sehnsucht selbst nach dieser fiesen 70er-Jahre-Hertha-Welt empfand. Die Fans schrien damals immer "Schweinehund!", unklar ob zum Gegner oder sich selbst. Und ich wusste sofort, was Enquist mit "Atmung" meint. Eine Zentralmetapher fürs Leben.

Ein anderes Leben
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