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Literatenfunk

Die Zeit vor der Zeitenwende
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt
Montag, 29.08.2016

Die Zeit vor der Zeitenwende

Eine Frau, die im Verdacht steht, ihren Mann auf dem Rücksitz ihres Autos angezündet zu haben. Ein einsamer Kommunist im antikommunistischsten Land der Welt. Ein fünfjähriges Mädchen, das von ihren Eltern mit LSD und Meskalin versorgt wird. Das sind einige der Protagonisten in Joan Didions 1968 erschienenen Band Slouching Towards Bethlehem. Das titelgebende Bethlehem ist das San Francisco während des sogenannten Summer of Love. Anders als in anderen Texten jener Zeit über die Hippies von Haigh-Ashbury findet sich bei Didion keine Spur von Verklärung. Kühl und sachlich beschreibt sie die Schattenseite des antibürgerlichen Lebensmodells: die Verlorenen, die Kaputten, die Freaks. Die Drogen und der Sex haben nichts Glamouröses, sondern allenfalls etwas Verzweifeltes und Trauriges. „Wer einmal diese Kinder erlebt hat, kann das Vakuum nicht länger übersehen, kann nicht mehr so tun, als ob die gesellschaftliche Atomisierung rückgängig gemacht werden könnte. Dies ist keine übliche Rebellion einer Generation. Irgendwann zwischen 1945 und 1967 haben wir es versäumt, diesen Kindern unsere Spielregeln zu erklären. Womöglich weil wir selbst den Glauben an die Spielregeln verloren haben …“

Es ist dieser Ton, der die Geschichten des Buches auszeichnet, genaue Beobachtungen und scharfe Analyse. Ob es um Mörder oder Weltverbesserer geht, Didion behandelt alle gleich, mischt sich unter die Leute und bleibt doch distanziert – aber nicht so distanziert, dass sie sich als Mensch heraushalten würde. Ihre Reportagen stehen in der Tradition des New Journalism: Es sind Ich-Geschichten, persönliche Eindrücke, die jedoch auf einem gesellschaftlichen Fundament stehen und immer eine klare Haltung haben.

Die meisten Reportagen hat Didion für das Magazin The Saturday Evening Post geschrieben, andere für The New York Times Magazine oder die Vogue (deren Redakteurin sie Anfang der Sechzigerjahre war), Zeitschriften, deren Redakteure den Mut hatten, lange literarische Reportagen zu veröffentlichen und dem New Journalism, dieser subjektiven Form journalistischen Schreibens, eine Plattform zu geben. Didion war, als ihre Sammlung erschien, beides: Journalistin und Schriftstellerin. Und diese Kombination war es, die ihren frühen Ruhm manifestierte.

1934 in Sacramento als Tochter eines Soldaten geboren und aufgewachsen, studierte sie in Berkeley englischsprachige Literatur, arbeitete in New York und kehrte 1964 wieder an die Westküste zurück. Der neue Blick auf ihre alte Heimat, man merkt es den Texten an, schärft die Konturen und schafft ein Bewusstsein für die Veränderungen, die sich in der Zwischenzeit vollzogen haben. Das zeigt sich besonders in Notes of a Native Daughter, einem sehr nostalgischen Essay über die Gentrifizierung ihres Geburtsortes. Allerdings sind es nicht Hippies oder Hipster, die der Stadt ein neues Gesicht geben, sondern Arbeiter in der Luftfahrtindustrie, Ingenieure und Monteure von außerhalb. Sie kennen nichts und niemanden, für sie ist Sacramento unbekanntes Land, ein weißer Fleck auf der Landkarte. Und darum verändert ihre Anwesenheit Raum und Zeit. Und darum kommt sich Didion plötzlich selbst so fremd vor, so unbehaust – ein Empfinden, das ihr ganzes Schreiben bestimmt: mangelndes Zugehörigkeitsgefühl.

Slouching Towards Bethlehem, was man mit "Nach Betlehem latschen" übersetzen könnte (der deutsche Titel lautet Stunde der Bestie, beide beziehen sich auf ein Gedicht von W. B. Yeats) besteht aus drei Teilen: Reportagen, Essays und Porträts. Und alle verhandeln ein Thema: die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben, die sich aber, Yeats deutet es an – „Things fall apart; the center cannot hold“ – nicht erfüllt.

Alle Texte sind in Kalifornien angesiedelt, bis auf einen, in dem es um Newport, Rhode Island, das einstige Ferienressort der Ultrareichen US-Amerikaner an der Ostküste geht. Retrospektiv betrachtet ist diese formale und inhaltliche Uneinheitlichkeit der einzige Fehler des Buches. Warum Newport? Und warum unterschiedliche Gattungen, anstatt nur Reportagen, die das Leben in Kalifornien vor dem Jahr 1968 abbilden, die Zeit vor der Zeitenwende? Gerade die Essays über Moral und Hollywood fallen gegenüber den Reportagen qualitativ ab, da wird mehr behauptet als beschrieben, mehr nach- als neuerzählt.

Die Stärke aber besteht darin, dass Didion immer auch ihr Dasein als Reporterin verhandelt: „Mein einziger Vorteil als Reporterin besteht darin, dass ich physisch so klein bin, vom Temperament her zurückhaltend, neurotisch unverständlich, dass die Leute vergessen, dass meine Anwesenheit ihren eigenen Interessen zuwiderläuft. Und so ist das jedes Mal. Das darf man nicht vergessen: Journalisten verkaufen immer jemanden.“

Von einem der Wortführer der Hippiebewegung bekommt sie daher kein Interview, weil er, wie ihr ausgerichtet wird, grundsätzlich nicht mit „media poisoners“ spreche – eine erstaunliche Parallele zum derzeitigen vor allem von Rechten gern benutzten Schlagwort „Lügenpresse“. Alles, was nicht in die eigene PR-Strategie passt, wird als unglaubwürdig und bewusst verfälschend diskreditiert.

Jede Geschichte, die sie schreibt, ist einzigartig, in ihrem Stil und in ihrer Wirkung. Gerade aus der Retrospektive wirkt es, als wäre sie damals die einzige Person gewesen, die sich dem jeweiligen Thema angenommen hätte – womöglich waren ihre Geschichten aber auch einfach besser als die der anderen, sodass ihre Beschreibung und ihre Deutung die der anderen bis zum Verschwinden überlagert: In Comrade Laski, C.P.U.S.A. (M.-L.) berichtet Didion von einem Treffen mit Michael Laski, dem Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der USA. Ein, wie Didion schreibt, „relativ obskurer junger Mann“, ein einsamer Kämpfer, umgeben von Feinden, ein politischer Nerd, paranoid und verschlossen. Er verdächtigt sie, für Nachrichtendienste zu arbeiten, ihn auszuspionieren, im Gewand des Journalismus an Geheiminformationen zu gelangen. Während des Gesprächs tippt er auf dein Exemplar von Maos Bibel und sagt: „Und doch habe auch ich etwas davon, mit Ihnen zu sprechen. Dieses Interview ist ein öffentlicher Nachweis meiner Existenz.“ Und tatsächlich: Wenn man heute den Namen „Michael Laski“ googelt, erscheint kaum mehr als ein Link zu Didions Story. Bei Wikipedia steht: „Laski is perhaps most famous for being the subject of an essay by Joan Didion.“

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