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Literatenfunk

Die Wiedergeburt der Philosophie aus dem Geist der Science Fiction (oder umgekehrt)
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

Zum piqer-Profil
piqer: Jan Kuhlbrodt
Mittwoch, 22.05.2019

Die Wiedergeburt der Philosophie aus dem Geist der Science Fiction (oder umgekehrt)

Ich habe das Gefühl, in diesem Jahr ereignen sich für mich gewisse Formen der Rückkehr. Das liegt an verschiedenen Büchern, die ich geschenkt und empfohlen bekam, deren Autorinnen ich kenne, oder die mich einfach interessierten, weil sie Titel tagen wie „Lyophilia“ von Ann Cotten, „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ von Pippa Goldschmidt oder „Helle Materie“. Jedes dieser Bücher verdient es, hier gesondert vorgestellt zu werden, und bei Gelegenheit werde ich das tun. Es handelt sich dabei um Nahutopien, wenn man den Untertitel von „Helle Materie“ etwas erweitern mag. Die Autorin Sina Kamala Kaufmann spricht dort von nahphantastischen Erzählungen.

Meine alte Liebe zur Science Fiction korrespondierte schon immer mit einer zur Philosophie und in den glücklichsten Momenten meines Lesens trafen sie aufeinander.

Theorie ist nämlich notwendig Sciencefiction, weil sie, wenn sie im Erfahrbaren verharrte, zu nichts nütze wäre, außer zur Beschreibung des Erfahrenen. Was nicht nichts ist, aber in der Reduktion auf sich selbst an Substanz verlöre; Theorie, die im Erfahrbaren verharrt verschwände irgendwann mit dem Erfahrenen selbst, nicht einmal zur Erinnerung wäre sie in der Lage. Nur insoweit vielleicht, dass ein Ich sich in der Erinnerung selbst als Fremdes begegnet, und insofern einen neuen Erfahrungsraum öffnet. 

In Lems Sterntagebüchern nimmt das eine manifeste Form an. Ion Tychi begegnet sich in einer Zeitschleife gefangen mehrfach selbst, bis er zu einer Gruppe geworden, sich und den anderen, die er ist, gemeinsam aus dieser Zeitschleife heraushelfen kann. 

Bei dem Philosophen Blumenberg klingt das in Rekurs auf Husserl so:

"Wenn nun das erinnernde Ich dem erinnernden Ich in gerade der Komplexion von Fremdheit und Andersheit fassbar wird, die auch in der phänomenologischen Analyse der Fremderfahrung gefunden wird, so erscheint dieser Sachverhalt dem Phänomenologen unter Anleitung Husserls als ein Faktum, das hinzunehmen ist als so etwas wie ein glücklicher Defekt an der Erinnerung, …" Hans Blumenberg: Phänomenologische Schriften. Berlin 2019. S.171.

Theorie, wo sie begründen will, muss diesen Zirkel verlassen. (Adorno nennt das das Nichtidentische.) Was der Begriff fasst ist zugleich weniger als das zu Erfassende, aber weist im selben Moment auch darüber hinaus. In die Science Fiction. Begriff und Begriffenes; Begriffliches und Empirisches. Biegt man das zurück auf Zeit, wird der Zustand scheinbar verworren. Schon grammatikalisch:

“Die Vergangenheit war einmal Zukunft, die Zukunft wird vergangen sein, und die Gegenwart ist künftig Vergangenheit – Sprache, Grammatik und im Speziellen ein ausgeklügeltes Tempussystem ermöglichen uns, komplexe Zeitverhältnisse auszudrücken und zu verstehen. Etwa zu verstehen, warum es keineswegs widersprüchlich ist, die Vergangenheit – aus Perspektive einer noch vergangeneren Vergangenheit – als zukünftig zu betrachten oder die Zukunft als zukünftig vergangen." Avanessian: Metaphysik zur Zeit. Leipzig 2019 S.68
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Kommentare 4
  1. Uwe Protsch
    Uwe Protsch · Erstellt vor 7 Monaten ·

    Lieber Jan, ich bin nur ein Normalsterblicher. Kannst Du das, was Du mitteilen willst, auch so schreiben, dass ich es verstehe?

    1. Jan Kuhlbrodt
      Jan Kuhlbrodt · Erstellt vor 7 Monaten ·

      im Grunde geht es mir darum, dass wir die Welt (oder das was uns umgibt) nur erkennen können, wenn wir weiter denken, als wir sehen können. (in etwa)
      gute Sciencefiction machen genau das, glaube ich, und das verbindet sie mit der Philosophie.

    2. Uwe Protsch
      Uwe Protsch · Erstellt vor 7 Monaten ·

      @Jan Kuhlbrodt Danke für Deine Antwort; jetzt seh ich klarer. In umgekehrter Richtung gilt das ja auch für die Vergangenheit: Nur wenn wir die Geschichte kennen, begreifen wir die heutige Zeit (finde ich jedenfalls).

    3. Jan Kuhlbrodt
      Jan Kuhlbrodt · Erstellt vor 7 Monaten ·

      @Uwe Protsch unbedingt!

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