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Literatenfunk

Die Republik als Theater – vor 150 Jahren wurde Alfred Kerr geboren

Quelle: wiki-commons

Knud von Harbou
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piqer: Knud von Harbou
Montag, 25.12.2017

Die Republik als Theater – vor 150 Jahren wurde Alfred Kerr geboren

Karl Kraus nannte ihn eine „Feuilletonschlampe“, der wirkungsmächtige Publizist der frühen Weimarer Republik Maximilian Harden scholt ihn einen „Affen“, S. Fischers Lektorats-Urgestein Moritz Heimann sah in ihm ein „Kritikergenie“. Derlei Verdikte und Elogen galten dem berühmten wie berüchtigten Berliner Literatur- und Theaterkritiker Alfred Kerr, der vor 150 Jahren am 25. Dezember 1867 in Breslau geboren wurde. Nie wieder sollte Deutschland solch einen einflussreichen Kritiker haben.

In der schlesischen Metropole wuchs er auf, noch nicht zwanzigjährig übersiedelte er nach Berlin, dort wurde die Tägliche Rundschau auf ihn aufmerksam. Bis zu seiner Flucht vor den Nationalsozialisten am 15. Februar 1933 blieb er der Stadt treu, deren Kulturleben er als eine von allen akzeptierte wiewohl umstrittene Institution mit seinen fast täglichen Zeitungsbeiträgen stark beeinflusste. Eine Universitätskarriere lehnte er ab, zu sehr verstand er sich als Schriftsteller. Inspiriert von zwei Themen, Sprache und Kritik, eine Beziehung, die für ihn zeitlebens eine Herausforderung darstellte. „War bloß Kritik mein Gebiet? Die Sprache war es.“ Er löste die Forderung der Frühromantiker nach der Einheit von Kunst und Kritik auf seine Weise auf. Die kritische Poesie sollte sich entsprechend ihrem poetischen Gegenstand artikulieren. In Kerrs Worten: „Im Felde der Kritik bestand meine Reform darin, zu fordern, dass die Kritik selber ein Kunstwerk sein müsse.“ Sein Ziel war der „Kritiker als Künstler“.

Gleichwohl war sich Alfred Kerr der Gefahr bewusst, die durch die Aufgabe einer distanzierten Reflexion hin zu einem bloßen Subjektivismus lag. Vielleicht lag darin der Hauptgrund seiner eigenwilligen Syntax, seine abgehackten, atemlosen Sätze, der Verzicht auf Nebensätze, die sprachliche Komprimation. Damit wollte er den Antagonismus zwischen sich als kritischem Subjekt und der Kunst als Objekt auflösen. Heraus kam ein Feuerwerk kurzweiligster, polemischer wie assoziativer Rhetorik, eine vollkommen eigene Sprache, die in ihrer Pointiertheit glaubte auf Begründungen für seine (mehrheitlich) kritischen Verrisse verzichten zu können. Seine legendäre Fähigkeit, etwas in wenigen Begriffen auf den Punkt zu bringen, war unübertroffen. Seine Bonmots, Aperçus, waren sofort geflügelte Worte in Berlin. Damit stand er als Ausnahmeerscheinung, als Solitär, innerhalb einer langen Berliner Traditionslinie von Fontane, Jacobsohn, Harden und seinem Intimfeind Jhering sofort im Rampenlicht, das er genoss und auch stets zu zelebrieren verstand. Der Streit war eine seiner Leidenschaften, „die Attacke seine Lust und ein Zeichen seiner Selbsteinschätzung“, schreibt seine Biographin Deborah Vietor-Engländer.

Alfred Kerr war der erste deutsche „Großkritiker“. Aufmerksamkeit erregte er ständig, da war es eigentlich nebensächlich, dass er das Manuskript von Arthur Schnitzlers Reigen entdeckte und eine Inszenierung befürwortete – die dessen Verleger Samuel Fischer aus juristischen Gründen ablehnte. Das Stück wurde 1920 in Berlin uraufgeführt und löste einen der größten Theaterskandale aus. Auch machte er sich für das zunächst verkannte Prosadebüt Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" stark.

Kerrs Einfluss wuchs auch mittels eines von ihm erweiterten Ästhetikbegriffs, indem er seine Theater- und Literaturkritik oftmals in politische Polemik münden ließ. Man sollte glauben, dass er damit dem Anliegen junger Autoren der Weimarer Republik wie Bertolt Brecht entgegenkam, berücksichtigt man zudem seine Aufgeschlossenheit gegenüber einer Dank Freud psychologisch sehr subtil verfahrenden Literatur. Doch das Gegenteil war der Fall, gerade Brecht stieß auf seine schroffe Ablehnung. Spektakulär warf er ihm nicht nur plagiatorische Übernahmen wie in der Dreigroschenoper vor, dessen ganze Art behagte ihm nicht. Daraus entwickelte sich eine legendäre Feindschaft zu seinem nicht minder bedeutenden Kritiker-Antipoden Herbert Jhering. Versuchte dieser ein objektives Urteil aus einer politisch-gesellschaftlichen Haltung heraus herzuleiten, so leitete Kerr seine Kriterien bewusst aus zunächst subjektiven Faktoren ab.

Beide Positionen markieren zugleich einen Epochenwandel. Stand Jhering dem politischen Bert Brecht gegenüber offen, so war Kerr noch der Welt seines naturalistischen Freundes und Mentors Gerhart Hauptmann verbunden. Ihn begleitete Alfred Kerr treu, allerdings nur noch bis zu dessen hastiger Ergebenheitserklärung für die Nationalsozialisten Anfang 1933. Empört rechnete er mit ihm ab: „Ich kenne diesen Feigling nicht“.

Kerr musste mit seiner Familie unmittelbar nach der Machtübernahme fliehen, sein Leben war nicht nur wegen seiner jüdischen Herkunft gefährdet, sondern auch wegen seiner prononcierten Kritik an der faschistischen Ideologie und direkter Warnung vor der Person Hitlers. Man lese dazu nur seine Prophezeihungen von 1933 (Die Diktatur des Hausknechts). Im Londoner Exil konnte er seine unbestrittene Integrität zum Ausgleich verschiedenster politischer Fraktionen im Kampf gegen den Nationalsozialismus einbringen. In dieser Richtung wirkte er auch als Präsident des deutschen Exil-PEN.

Als Repräsentant des „anderen“ Deutschlands luden die englischen Besatzungsmächte den mittlerweile 81-Jährigen nach Kriegsende nach Hamburg ein. Gleich am ersten Abend erlitt er im Theater einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte, was er nicht aushalten wollte und seinem Leben am 12. Oktober 1948 ein Ende setzte.

Seine Originalität mündete in Marcel Reich-Ranickis Einschätzung, dass nach Kerr die Geschichte des deutschen Feuilletons umgeschrieben werden muss. Darin spiegelt sich auch sein Erstaunen über die literarische Vielfältigkeit Kerrs wider, die eigentlich erst mit der Herausgabe seiner „Gesammelten Werke“ in den Jahren nach 1998 präsent wurde. Seine im englischen Exil aufgewachsenen Kinder bewahrten seinen Ruf, seine Tochter Judith schrieb das berühmte Kinderbuch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl und sein Sohn Martin wurde oberster Richter Großbritanniens. 

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Kommentare 2
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 19 Tagen

    Danke und eine Ergänzung.

    Unglaublich aufschlussreich sind die frühen Artikel, die erst spät als Buch erschienen. Etwa im Band "Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895–1900", Herausgegeben von Günther Rühle 1997. Sie ergeben ein hervorragendes Gesellschaftspanorama der Kaiserzeit. Das deutsche Pendant für die – trotz Theodor Fontane – nicht vorhandenen breit gefächerten Gesellschaftsromane à la Émile Zola.

  2. Knud von Harbou
    Knud von Harbou · vor 19 Tagen

    Lieber Achim Engelberg, mir wuchs Kerr eigentlich erst so richtig ans Herz, als ich damals für S. Fischer die Ausgabe verantwortete. Dank Frau Schoellers Geld ist sie auch herstellerisch einfach toll. Und für mich übrigens auch noch zusätzlich durch Deborah Vietor-Engländers -wie ich finde- ganz große Bographie. Nur verkauft hat sich die Ausgabe nicht; und ich stand am Rande der Kalkulation, Rühle aber beschimpfte mich wegen der geringen Werbeinvestition. Nur wir hatten bei S. Fischer bekanntermaßen noch etliche andere Größen zu betreuen.
    Ich war übrigens sehr begeistert vom broschierten Bismarck Nachdruck bei Pantheon!
    Sehr herzlich, Knud v. Harbou