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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Sonntag, 10.05.2020

Die rechtschaffenen Mörder

Die Konstruktion ist eigentlich spannend: Ingo Schulze schreibt einen Roman über den Autor Ingo Schultze, der an einer Novelle (Stichwort "unerhörte Begebenheit") scheitert. Diese Novelle handelt im ersten personal-auktorial erzählten Teil des Romans von einem Dresdner Antiquar, der penetrant erkennungsdienstlich immer nur "Norbert Paulini" (mit Vor- und Zuname) heißt und vom gebildeten Buch-Gutbürger zum rechtsextremen Wutbürger wird. Dann bricht dieser Text ab und der Ich-Erzähler Ingo Schultze not himself meldet sich als Autor jener gescheiterten Novelle zu Wort, um von seinem Verhältnis zum real Paulini zu erzählen, der für ihn vom Mentor zum Monster wurde. Bis im dritten Teil noch mal die Perspektive wechselt und jetzt Ingo Schulzes Lektorin, ebenfalls aus der Ich-Perspektive, von den wahren Schreibproblemen und "unerhörten Begebenheiten" ihres "Schützlings" erzählt.

Letzten Sonntag, als wir abends von einem Ausflug in die Stadt zurückkehrten, hörten wir im Auto Literatur-Radio, zu Gast Ingo Schulze. Im Gespräch mit den beiden "Literaturagenten" redete er über seinen neuen Roman "Die rechtschaffenen Mörder" (S. Fischer). Auf angenehme Art ruhig, klar und zurückgenommen (mit seiner hellen, distanziert freundlichen, aber auch ein wenig sinistren Stimme, die ein bisschen an Film-Bösewichte aus den Fünfzigern erinnert) redete Schulze vor allem über die oben geschilderte Romankonstruktion. Ingo Schulze kann sehr gut über sein Schreiben erzählen (an einer Stelle ging es darum, dass man als Schreiber für das Lesen verloren sei: "zu kannibalistisch" würde er andere Bücher lesen). Ich hatte Ingo Schulze früher gern gelesen: seine große Zeit-Magazin-Story, wie er mit Richard Ford durch Berlin zieht. Die latent unheimlichen "Simplen Storys" und vor allem den Erzählband "Handy" über das Bötzowviertel-Milieu der Nuller Jahre. Der Balaton-Flucht&Liebes-Roman "Adam und Evelyn" hatte dann zumindest noch trivialen Drive (bodenständige Erotik und Fußnägel-Fetischismus).

Aber dann nahm Schulze irgendwie die falsche Abbiegung Richtung Großschriftsteller, Deutschunterricht, Gesellschaftsroman. Opulente Schinken wie "Neue Leben" und "Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" interessierten mich allein schon wegen ihrer barocken Untertitelung nicht (ein Hang, der allerdings schon bei "Handy" da war, die er "Geschichten in alter Manier" nannte).

Jetzt wollte ich ihm aber gern noch mal eine Chance geben. So reizvoll die Konstruktion, so relevant sie für gewisse Milieus um den Dresdner Weissen Hirschen sein mag, Schulze scheitert an seiner Story übers Scheitern am Reindenken in ein Uwe-Tellkamp-Hirn vor allem sprachlich. "Die rechtschaffenen Mörder" sollen drohendes Enigma sein, klingen dabei aber wie eine Mischung aus Thomas Mann und SPIEGEL-Essay.

„Wem zürnen Sie? Dem Westen? Gott? Der nicht existierenden Linken? Dem Weltgeist?“ Ich wollte gegenhalten. Ich wollte mich nicht abfertigen lassen wie ein Schuljunge.

„Ich zürne denen, die sich zum Gott, zum Weltgeist aufwerfen – und ihren vielen kleinen Helfershelfern. Außerdem können Sie Gott nicht ohne den Teufel haben. Und beide befehligen Heerscharen. An die lichten Heerscharen, da glauben sie, die Klugen, die Aufgeklärten und Selbstgerechten, aber an die finsteren Heerscharen, da glauben Sie nicht. Die leugnen sie vom Erdboden weg, diese Toren.“

Ich sagte nichts dazu und schenkte mir Milch ein.

„Nun ist er lauwarm“, befand er und setzte die Tasse ab.

Das Aufeinandertreffen von bildungsbürgerlichem "Mordgemüt" und Kaffee-und-Kuchen-Gemütlichkeit mag beabsichtigt sein. Die Charakter-Entwicklungen und Plotpoints bleiben aber eher "Tatort": kalkuliert vage und pseudogruselig "ambivalent". Für den wahren Täter und guten Roman stehen am Ende ein, zwei unerhörte Novellen-Begebenheiten zuviel auf dem Spiel.

Die rechtschaffenen Mörder
8,6
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