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Literatenfunk

Der Doppelgänger & 200 Jahre Dosty in der ZEIT

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelMittwoch, 10.11.2021

Letzten Donnerstag im Dauerregen, an einem Zwischen-Tiefpunkt (die Woche ging noch weiter), wurde ich meinem Vorsatz untreu, mir auf gar keinen Fall die ZEIT mit dem Titelthema "200 Jahre Dostojewski – Rebell Spieler Prophet" zu kaufen, weil ich die ZEIT eigentlich nicht mehr aushalte. Dann überwog aber doch die Rührung (oder noch sentimentalere Gefühle angesichts des Stellenwerts von Literatur in der modernen Mediengesellschaft) darüber, dass sie tatsächlich glaubten, aus Old Dosty noch mal eine Titelstory rausholen zu können. Also machte ich einen Spaziergang ohne Schirm im, wie gesagt, Dauerregen zum BND-Edeka (der Rewe wäre für das Vorhaben zu nah gewesen) und kaufte mir die ZEIT. Ich wickelte sie noch an der Kasse in eine vorsorglich mitgebrachte Plastiktüte ein und deponierte diese im Rucksack (allein schon die Aktion fühlte sich so 80jährig-ZEIT-Leser-umsichtig an, dass es gut tat, sich anschließend illegal auf einen überdachten Hotelstuhl in der Chausseestraße zu setzen und erst mal eine zu rauchen). Zuhause entdeckte ich, was offenbar der redaktionelle Preis ist, wenn man heute mit Dostojewski aufmacht. Noch über dem Bruch wurde die Leserschaft mit dem Foto-Hinweis auf Giovanni di Lorenzos großes Helene-Fischer-Interview ("Sind Sie noch von dieser Welt?") über den schwergängigen Russen hinweggeteasert – auch wenn di Lorenzo im Abspann des Dossiers kleinlaut einräumen musste, dass ihm das Management von Helene Fischer im Grunde alle irgendwie relevanten, auch nur ansatzweise polarisierbaren Aussagen der Sängerin wieder rausgestrichen hatte. Macht ja nichts, Helene ist eben nicht der "Punk der Weltliteratur", wie der Feuilletonaufmacher über Dostojewski überschrieben war, und viel mehr habe ich dann auch bis jetzt nicht in der ZEIT gelesen, und heute ist jedenfalls der letzte Tag, an dem Sie das Print-Produkt noch ein paar Stunden lang erwerben können, wenn Ihnen trotzdem der Sinn danach stehen sollte.

Ausdrücklich empfehlen möchte ich dagegen Der Doppelgänger. Die Urfassung – In deutscher Erstübersetzung (von Alexander Nitzenberg, Galiani Berlin). Es handelt sich in 14 witzig untertitelten Hauptstücken um eine "ganz und gar unerklärliche Chose", die 1846 als Serienabdruck in einer Zeitschrift erschien, um später von Dostojewski für die Romanversion offenbar "geglättet" und "entschärft" zu werden: Denn "Kritik und Publikum waren damals noch nicht reif für dieses zart irre Stück Literatur" (Klappentext-Wissen). Und das ist es in der Tat. Im Roman begegnet der im St. Petersburg der 1840er ansässige Titularrat Goljadkin eines Tages seinem Doppelgänger.

– Was ein Ding! –, murmelte unser Held, für einen Augenblick stutzig geworden. – Was ein Ding! So sieht also die Chose aus! ... – Da spürte Herr Goljadkin auf einmal, dass er Gänsehaut bekam. – Im Übrigen –, fügte er in Gedanken hinzu, während er sich zu seiner Abteilung schleppte, – im Übrigen habe ich schon seit langem von einer solchen Chose geredet; ich habe es schon seit langem geahnt, er sei unterwegs in einer dringenden Angelegenheit, richtig, erst gestern habe ich es gesagt, der Mensch sei zweifellos unterwegs in einer dringlichen Angelegenheit, wer auch immer ihn geschickt haben mag ... Und was nun? ... Wenn ich so darüber nachdenke, ist die Chose nicht einmal so ungewöhnlich. Erstens herrscht hier offenbar ein Missverständnis, und zweitens, solches kann doch jedem passieren, und solches wird auch jedem passieren ...

Nur kurz ertappt man sich bei dem Gedanken, was wohl ein Lektor wie Gordon Lish mit diesem Text gemacht hätte. Dann geht Dostojewskis Plan, der Sprache (und dem Leser) den Wahnsinn einzutreiben, voll auf. Alles andere ist kalter Kafka dagegen.

Und so spazierte ich fröhlich durch meine immer schlimmer werdende Restwoche, dachte Rebell, Spieler, Prophet – go Dosty go! und summte den Anfang eines alten Songs vor mich hin. Der Song hieß Apologies To Insect Life und war von der zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geratenen Band British Sea Power (die sich wegen des Brexit inzwischen nur noch Sea Power nennt, obwohl das allein schon angesichts ihres tollen Debutalbum-Titels – The Decline of British Sea Power! – eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre):

Oh Fyodor you are the most attractive man / Oh Fyodor you are the most attractive man I know, / Your Russian heart is strong and has been bleeding for too long

PS: "Dosty" darf ihn übrigens nur nennen, wer die Ähnlichkeit seiner Schreibe im irrwitzigen Spielstil meines momentanen Lieblings-Players auf der ATP-Tour, Daniil Medwedew, erkennt. Talking tennis here: Wahnsinn hilft, Woche weiche!

Der Doppelgänger & 200 Jahre Dosty in der ZEIT

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