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Literatenfunk

Denis Johnson: Jesus’ Son
Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Sonntag, 16.04.2017

Denis Johnson: Jesus’ Son

So ziemlich jeder, der sich schon einmal etwas Lustiges ausgedacht hat, eine fiktionale Geschichte oder auch nur eine kleine Pointe, kennt den Satz: “Was der wohl geraucht hat!” Es ist ein Satz, den man nur hassen kann. Halb ist er eine versteckte Beleidigung, halb Ignoranz (das Ausdenken wird ja wohl nicht ganz von alleine kommen, gell?) Aber es gibt Vorstellungen, die nicht aus der Welt zu kriegen sind, und so hält sich hartnäckig auch die, dass es bei der Kreativität nicht ganz mit rechten Dingen zugehen kann.

Das echte Genre des Drogentexts ist dann eine schwierigere Angelegenheit. Literatur, bei der Drogen eine Rolle spielen, erschöpft sich oft darin, dass sie von den Drogen selbst handelt. Schnell kann das Vorkommen von Substanzen als eine Ausrede für schlechte oder gar keine Einfälle verwendet werden. Die bunten Bilder werden’s schon richten, wenn es sonst nichts zu erzählen gibt.

Bei Denis Johnson ist das völlig anders. In seinem 1992 erschienen Erzählband Jesus’ Son begegnet man einem Ich-Erzähler, der offensichtlich unter dem Einfluss von allem Möglichen steht (oder stand?). Seinen Namen erfährt man eher beiläufig irgendwo in der Mitte des Bandes: Man nennt ihn, eher sachlich-beschreibend, “Fuckhead”. Über elf lose miteinander verbundene Kurzgeschichten hinweg berichtet er aus verschiedenen Episoden seines Lebens im provinziellen amerikanischen Heartland und in jeder einzelnen macht er sich um die Ehre seines Namens redlich verdient.

Es ist naheliegend, dass da eine ganze Reihe an Mitteln vorkommt, die einen im Leben als Fuckhead etwas weniger den Fuckhead spüren lassen. Aber Johnson nutzt das weniger für eine unkonventionelle Bildsprache und mehr in der Informationsorganisation der Kurzgeschichten, als Erweiterung der Erzählmöglichkeiten. Seine Sätze sind kristallklar, aber nebeneinander stehend wollen sie sich nicht ganz zusammenfügen. Alles erscheint kohärent, aber das Gesamtbild bleibt uneinheitlich und voller Lücken, es gibt einen Plot und man kann ihm sehr leicht folgen und trotzdem werden wir manchmal allein gelassen. Gleichzeitig ist es ein Drogentext, der ohne die Mittel des Surrealismus auskommt. Da werden keine Topoi der Bewusstseinsverwirrung zitiert, da denkt sich einer wirklich etwas aus. Und ein Heidenspaß beim Lesen ist der Text auch, in seinem ganzen tiefschwarzen Humor:

Down the hall came the wife. She was glorious, burning. She didn't know yet that her husband was dead. We knew. That's what gave her such power over us. The doctor took her into a room with a desk at the end of the hall, and from under the closed door a slab of brilliance radiated as if, by some stupendous process, diamonds were being incinerated in there. What a pair of lungs! She shrieked as I imagined an eagle would shriek. It felt wonderful to be alive to hear it! I've gone looking for that feeling everywhere.

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