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Literatenfunk

Das Warten und der Krieg
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Freitag, 13.09.2019

Das Warten und der Krieg

Es gab, als ich die Ankündigung zu diesen Buch las, nicht viel und nicht lange zu überlegen, denn Yevgenia Belorusets' Sammlung von Kurzgeschichten heißt „Glückliche Fälle“. Schon der Titel erinnert an einen Giganten in der russischen Literatur. Daniil Charms, dessen Bücher in der deutschen Übersetzung von Peter Urban Titel wie "Fälle", "Neue Fälle", oder "Gesammelte Fälle" tragen. Ein Bezug war für mich also von vornherein gegeben. Auch wenn die Messlatte damit ziemlich hoch lag, wurde sie von der Autorin lässig übersprungen. 

Zum anderen sind Belorusets' Kurzgeschichten von Claudia Dathe übersetzt worden, von der ich schon einige andere Übersetzungen kannte; wie die von Gedichten des Ukrainischen Dichters Ostap Slyvinski und sehr sehr mochte. Der Name dieser Übersetzerin scheint mir ein Indiz für lesenswerte Literatur zu sein. Letztlich habe ich also die vergangenen beiden Tage mit der höchst anregenden Lektüre verbracht.

Yevgenia Belorusets wurde 1980 geboren und lebt heute in Kiew und Berlin. Neben den Kurzgeschichten sind im Buch auch Schwarz-Weiß-Fotografien abgedruckt, die den Eindruck einer geradezu perforierten Gegenwart vermitteln, in der sich eine Art von Liebe hält, als Einspruch wie es scheint. Es ist den Fotografien nicht unmittelbar zu entnehmen, dass sie vor dem Hintergrund des nun schon lang andauernden Krieges im Osten der Ukraine aufgenommen worden sind, aber das Wissen darum schärft und lenkt letztlich den Blick des Betrachters.

Irgendwann in den Achtzigerjahren erstand ich ein Buch, einen Reclamband, herausgegeben und übersetzt von dem großen Slawisten Fritz Mierau, das „Die Erweckung des Wortes“ hieß und Essays von Theoretikern der russischen Formalen Schule versammelte. In diesem Buch befindet sich ein Aufsatz von Boris Eichenbaum: Die Illusion des Skaz. Skaz oder Skas (je nach Transkription) bezeichnet einen Erzählungsstil, der eine Mündlichkeit der Kommunikation zwischen Erzähler und Leser simuliert. Der Erzähler oder die Erzählerin gibt sich als kommunikative Instanz zu erkennen, die bisweilen gar über die Art und Weise der Wiedergabe des Sujets sinniert. Der Leser wird als Person sozusagen unmittelbar angesprochen.

Der Skaz in der Literatur hatte seine Vertreter zum Beispiel in Nikolai Wassiljewitsch Gogol und Nikolai Semjonowitsch Leskow, aber er hat sich über die Zeit gerettet; und über das Ende des Erzählens im Sinne der Mündlichkeit hinaus als Form jedenfalls erhalten.

Was erzähle ich hier eigentlich? Hat es überhaupt Sinn, die Geschichte fortzusetzen? Eigentlich gibt es gar keine Geschichte, die Erzählung hört auf, bricht ab. Die Floristin ist verschwunden. Das Haus in dem sie gewohnt hat, ist zerstört, ihr Blumenladen zu einem Depot für Agitationsliteratur geworden. Ihre Stammkunden haben Donezk längst verlassen. (Die Floristin)

 Und die Erzählerin begegnet mir eben als vorgestellte Person vor allem in der russischsprachigen Literatur und zuweilen in der Jiddischen. Oder eben so wie hier in Belorusets' lakonischen Kurzgeschichten, die auf kleinem Raum Situationen geradezu plastisch und real werden lassen, und sie dahingehend vergrößert , dass die Absurdität des gesellschaftlichen Hintergrundes in seinen komischen und skurrilen Zügen zu Tage tritt.  

Der Krieg zeigt seine bedrohlichen Züge auch dann, wenn er nicht unmittelbar benannt wird. Er trägt seine Skurrilität in den Alltag hinein, weil er selbst Alltag geworden ist.

Und diese Form ist zuweilen auch einen Berichtsstil und fordert Lakonie geradezu ein, und zu Erzählerinnenkommentaren auf. Die Autorin setzt das auf grandiose Art um. 

8,6
5 Stimmen
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Kommentare 2
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 6 Monaten

    Der in die Literaturgeschichte eingebaute Piq macht neugierig auf das Buch.

    Bei einer Recherche lernte ich die Autorin kennen, die abwägend formuliert. Deshalb könnte die Buchpremiere interessant sein:
    https://www.matthes-se...

  2. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor 7 Monaten

    die Leseprobe angeschaut und gleich das Buch bestellt. Tolle Kombination aus großem literatischem Können und Fotoreportage.
    Danke für diesen interessanten Tipp.

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