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Literatenfunk

Bowie in Berlin
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt
Samstag, 27.02.2016

Bowie in Berlin

Anfang Januar gehe ich in die Buchhandlung meines Vertrauens und frage nach dem Buch der Stunde. Und Eleni, die Buchhändlerin, sagt: „Du meinst, ‚Mein Kampf’?“

„Nein“, sage ich. „‚Helden. David Bowie und Berlin’ von Tobias Rüther.“

„Das haben wir nicht da“, sagt sie und fängt an, in ihrem Computer nachzuschauen. „Bestellen kann ich es dir nicht, das wird gerade nachgedruckt, ist erst in vier bis sechs Wochen lieferbar.“

„Aber ich will es jetzt lesen, jetzt, wo er tot ist. Ich will wissen, was er hier gemacht hat.“

„Ich kann dir nicht helfen.“

„Und was ist mit ‚Mein Kampf’?“

„Hab ich bestellt. Ist in den nächsten Tagen da.“

Zu Hause bestelle ich „Helden“ bei ZVAB, das letzte Exemplar, und zwei Tage später halte ich das Buch in Händen, mit diesem großartigen Schwarzweißbild als Cover, David Bowie mit Fliege und Frack aus dem Film „Just a Gigolo“ von 1978, aus seiner Berliner Zeit. Ich lese diese Monographie innerhalb eines Tages und bin begeistert von der Detailfülle und den Verweisen, die Rüther herstellt, er legt nicht nur die Topographie der Stadt offen – zitiert ehemalige Weggefährten wie den Tonmeister der Hansa-Studios, die Sängerin, die Heroes so ins Deutsche übertragen hat, dass Bowie die Zeilen singen konnte –, er zeigt auch, wie stark Bowies Berliner Selbstinszenierung von der Malerei beeinflusst ist, von den Brücke-Künstlern vor allem, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Mueller. Vom ersten hat er das Zerrissene, das Gespaltene übernommen. Vom zweiten die Geste, die Handhaltung, die er auf dem Cover von „Heroes“ einnimmt. Und vom dritten das Paarmotiv, die Liebenden an der Mauer, die nichts erschüttern kann. Für die nur der Augenblick zählt. Die sich aneinander aufrichten. Das sind seine Helden. Und Rüther macht sie zu unseren. Er versetzt uns mit Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen in diese Zeit, die Jahre zwischen 1976 und 1978, und stellt lauter überraschende Beziehungen her, lotet die Motive aus, zeigt Bowie als einen verletzlichen, drogenabhängigen, kaputten Künstler, der in der geteilten Stadt wieder zu sich selbst findet. „Er steht vor seinem eigenen Werk und dem Werk verwandter Seelen und bedient sich. Und es ist ansteckend, wie diebisch er sich dabei freut. Wie er erkennt, dass sein Bühnenansatz immer schon brechtianisch war, wie er nach Berlin kommt und plötzlich versteht, dass andere Künstler, die schon lange tot sind, seine eigenen Probleme teilten, und wie er dann nicht irgendwie ertappt oder erschüttert schweigt, sondern sich einfach deren Stiefel überzeiht und darin weiterläuft.“

8,3
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