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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: über ein Leben mit dem 1. FC Köln ("Fanfibel", culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Montag, 18.06.2018

30 love – Gebrauchsanweisung

Pünktlich zum WM-Beginn wird selbige natürlich auch weiterhin nicht boykottiert - sondern gerade jetzt erst recht in allen Spielen weggeguckt (nachdem man sich noch mal Dirk Gieselmanns großartigen SZ-Liveticker von gestern reingezogen hat – 25. Minute: Es läuft, sagen wir mal so, nicht sooo gut für die deutsche Mannschaft. Sie wollen ihre sorgsam ausgearbeitete Taktiktafel an die Wand hängen, aber da ist keine Wand, nicht einmal ein Haus, keine Stadt, keine Welt, nur die Hölle, und da sitzen die Mexikaner in brennenden Whirlpools und sagen: „Como estas, muchacho?“).

Aber: kann man ja auch mal wieder was über „Randsportarten wie Tennis und Lesen" (mein Lektor) bringen. Die hier schon vorgestellte Profispielerin und Vielleserin Andrea Petkovic schreibt gerade fürs SZ-Magazin online über ihren deprimierenden Tour-Alltag (around the world in ähnlichen Hotelzimmern, auf ähnlichen Courts, unter ähnlichen Menschen), den sie oft nur mit Filmen, Songs oder Büchern überlebt und nennt das Ganze ziemlich super "30 love".

Das Schöne an diesen Kolumnen ist ihre autobiographische Offenheit, die knausgårdesk rüberkommen könnte (oder möchte), wenn dies dann nicht glücklicherweise die doch zu große Ungebrochenheit eines hardcore-fröhlichen Tennis-Egos zu verhindern wüsste. Aber, und das ist kein kleines Kompliment: Ansatzweise ahnt Petkovic, was mit ihr nicht stimmen könnte.

In einer früheren Folge ihres Blogs sitzt sie allein und selfie-sexy in einem Café in Miami und liest Saunders' "Lincoln im Bardo", was sie wegen des Todes des kleinen Lincoln-Sohns zu Tränen rührt:

Nachdem ich den ersten Tränenschwall notdürftig getrocknet hatte, verließ ein kleiner, flüchtiger Teil von mir meinen Körper. Wie ein Geist postierte er sich draußen vor dem Fenster und betrachtete mich halb vorwurfsvoll, halb spöttisch: »Guck dich an! Du Klischee von einem Menschen! Brauchst zwei Stunden vor dem Spiegel, um so auszusehen, als wärest du gerade erst aufgestanden, sitzt in Cafés rum und liest traurige Bücher. Wer soll das bitte sein?«

Und anlässlich des Todes ihres Lieblingsautors Philip Roth beschreibt sie ziemlich gut aus der Tennisspielerinnen-Perspektive, wie mit den Lehren aus einer Short Story des Meisters, "Goodbye, Columbus", umzugehen ist - know your other on the court:

Darin lässt [Roth] die weibliche Hauptfigur Brenda, in die sich der jugendliche Erzähler Hals über Kopf verliebt hat, auf dem Tennisplatz auftreten (okay, die Parallele zu mir ist schon sehr offensichtlich, aber trotzdem). Die beiden sind zum ersten Date verabredet und sie sagt ihm, er solle sie vom Tennisspielen abholen. Alles, was Philip Roth über diesen Charakter sagen will, liegt in diesen Zeilen. Brenda ist oberflächlich, selbstbewusst, mutig, hochnäsig und eitel. Nicht eines dieser Wörter fällt jemals in diesem Abschnitt und doch ist alles auf den ersten Blick klar.

Brenda ist ein weißes, privilegiertes Mädchen der Oberschicht, das niemals mit Konsequenzen für ihre Taten rechnen musste und deswegen auf ihren aus der Unterschicht stammenden Beobachter unwahrscheinlich verwegen und wagemutig wirkt. Eigentlich wandelt sie aber ständig an der Grenze zur Vermessenheit. (…)

Um jetzt nochmal die Kurve zu Philip Roth zu bekommen: Als ich die oben beschriebene Szene las, wurde mir schlagartig bewusst, dass genau das eine meiner Maschen war. Wenn ich jemanden kennenlernte, bei dem ich mir unsicher war, was für ein Mensch er ist, schleppte ich ihn auf den Tennisplatz - und danach lagen stets alle Karten offen. So nach dem Motto: Nimm meinen Schläger und ich sag dir, wer du bist! Tennis ist nun mal das Terrain, auf dem ich mich am besten auskenne, da fühle ich mich sicher und kann alle Kapazitäten darauf verwenden, mein Gegenüber genau zu beobachten. Kein Zaubertrick, ich weiß, aber es funktioniert.

Wer sich dann noch über das Ego einer Spitzenspielerin hinaus für den Sport an und für sich interessiert, sollte dringend Jürgen Schmieders „Gebrauchsanweisung für Tennis“ (Piper) lesen, bei dem höchstens der Coverboy etwas zu 80er-kurzbehost geraten ist.

Jürgen Schmieder ist nicht nur im Sport ein Allrounder, wo er neben Tennis offenbar auch noch ganz passabel Basketball und auf jeden Fall Fußball draufhat (Schmieder ist ein wuchtiger Mittelstürmer, was ich bezeugen kann, weil ich das Glück hatte, ein paar Mal für die sogenannte Autonama mit ihm auf dem Platz zu stehen). Er ist es auch im Wortsport: Aktuell ist er als Auslandskorrespondent für die SZ in LA, betreibt von dort nicht nur einen Superstar-Twitteraccount (@juergenum8), sondern schreibt für unsere Lieblingszeitung auch tatsächlich über alles, was an der Westcoast gerade so anliegt: im Sport-Teil über Indian Wells, im Feuilleton über neue Netflix-Serien, im Wirtschafts-Ressort über Google und McDonald’s.

Und jetzt halt mal kurz zwischendurch dieses Tennisbuch aus der schönen Gebrauchsanweisungs-Serie bei Piper (die sonst ja überwiegend von meinem Kollegen Jochen Schmidt mit Reisebüchern bespielt wird). Selten habe ich irgendwo das Wesen dieses Sports aus der Schwierigkeit ihn zu erlernen heraus besser beschrieben gelesen:

Man muss sich das, was beim Tennis passiert, ein bisschen vorstellen wie Autofahren. Ein Anfänger ist überwältigt von all den Sachen, die er tun muss, um das Fahrzeug überhaupt losrollen zu lassen. Kuppeln. Ersten Gang einlegen. Kupplung loslassen. Gas geben. Hände ans Lenkrad. Blick auf die Straße. Wer ein paar Jahre lang fährt, führt diese Bewegungen aus, als würde er atmen. So funktioniert das auch beim Tennis. Wer lange genug übt, muss nicht mehr darüber nachdenken.

Listen to this, Petko! – Aber:

Wer seinen Gegner während einer Partie mal so richtig aus der Fassung bringen möchte, sollte all diese Faktoren während eines Seitenwechsels erwähnen und den Gegner bitten, mal darüber nachzudenken – und vielleicht noch externe Faktoren wie Balldruck, Windrichtung oder Platzbeschaffenheit erwähnen. Wer bei der Berechnung der einzelnen Variablen nicht verrückt wird, kann auch den Start einer Rakete zum Mars planen.

Tennis oder die Kunst des Schwachen Denkens – oder einfach Petkovic gegen Foster Wallace lesen!

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