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Christian Huberts
mächtiger™ Kulturwissenschaftler und Kulturjournalist
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piqer: Christian Huberts
Dienstag, 08.11.2016

Sex am Rand der Welt – oder: Warum Spielsysteme nicht neutral sind

Spielregeln, ganz egal wie simpel sie sind, bauen immer auf gesellschaftlichen Denkprämissen auf. Schwarz gegen Weiß. Erobern oder Überholen. Optimieren und Balancieren. Das ist nichts Neues und in den meisten Fällen auch recht harmlos. Die Aussagekraft der Regelsysteme verlässt selten den Bereich des völlig Abstrakten. Manchmal läuft es aber auch anders. Wenn etwa Sim City versucht, Obdachlosigkeit zu simulieren, füllen die "Lösungen" des "Problems" schonmal 600-seitige Bücher voller menschenunwürdiger Vorschläge. Ganz egal ob bewusst oder versehentlich, die Abbildung gesellschaftlicher Systeme durch Spielsysteme kann unangenehme Folgen haben.

Ein aktuelles Beispiel für dieses Phänomen ist die Weltraum-Kolonie-Simulation RimWorld. Im Code des Spiels hat die Wissenschaftlerin Claudia Lo eine Reihe von interessanten Regelzusammenhängen, Wahrscheinlichkeitsverteilungen und Variablen entdeckt, die klare Gender-Rollen und Beziehungsmodelle nahelegen. Ein paar Beispiele: Es gibt nur bisexuelle Frauen, aber keine bisexuellen Männer. Männer finden Menschen, die 15 Jahre älter sind als sie selbst, immer unattraktiv – im Gegensatz zu Frauen. Menschen mit Behinderung sind immer unattraktiver. Der Entwickler von RimWorld bezieht sich dafür auf eine ausführliche Recherche auf Dating-Portalen und in wissenschaftlichen Studien.

Auf Polygon versucht Simone de Rochefort den daraus entstandenen Shitstorm noch einmal differenzierter zu betrachten. Die Daten mögen nicht völlig falsch sein, ihr missverstandener Einsatz in RimWorld führt aber dennoch zu unangenehmen Ergebnissen. Insbesondere attraktive, homosexuelle Kolonisten sorgen durch die unausgegorenen Spielregeln für Unruhe in der Kolonie. Schon diskutieren Spielende darüber, wie man sie am besten los wird – durch Mord oder Gefängnis. Das Spiel ist noch in der Entwicklung, viele Systeme sind provisorisch – dem Entwickler sollte man also nicht sofort böse Absichten unterstellen. Eine kritische Diskussion ist jedoch mehr als angebracht.

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