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Richard Oehmann
Jahrelange Berufsausübung ohne jegliche Form von Berufsausbildung
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piqer: Richard Oehmann
Donnerstag, 12.07.2018

Kleinkinder und Zigarrenraucher - Das Bentonia-Blues-Festival als eine Art alternatives Disneyland.

Hier geht es nicht um Relevanz. Mississippi ist wahrscheinlich der irrelevanteste US-Bundesstaat, auf jeden Fall der ärmste, sowie der mit der dicksten Bevölkerung. Und Blues ist im Augenblick auch eher irrelevante Musik, und wenn grad nicht, dann wird er es bald wieder werden. Aber immerhin kann man mit dem hier beschriebenen Festival auf etwas hinweisen, was es schon lange vor Obama gegeben hat und auch hoffentlich lange nach Trump noch geben wird: Ein kreuzfideles, freundliches, wurschtiges Amerika.

Das Blue Front Café in Bentonia, Mississippi, exisitiert seit 1948, und schätzungsweise sind dort alle Bluesgrößen der Nachkriegszeit vorbeigekommen, obwohl das Dorf eher eine zufällige Ansammlung von zusammengenageltem Holz ist. In diesem klassischen Juke Joint, quasi ein advanced Hühnerstall, findet der Großteil des Blues-Festivals statt. Ich war selbst zu Gast und hocherfreut, als im stündlichen Wechsel ruppig aufgespielt wurde, und zwar überwiegend von lokalen Musikern, z.B. dem Wirt Jimmy "Duck" Holmes. Das Publikum war bestens gemischt - Schwarz und Weiß; Alt und Jung; Zigarrenraucher und Kleinkinder - und die Atmosphäre absolut liebevoll bis herzhaft, ein Idyll, ja, eine Art Blues-Disneyland. Die Anwohner verdienten sich durch Gegrilltes was dazu, Kinder sausten herum und ein paar rednecks rissen vor den in Hörweite geparkten Wohnmobilen Zoten ("She rode my dad! Hawhaw!") , grad als ob sie vom faden "bud light" besoffen gewesen wären.

Den Bericht von Katie Eubanks kann ich voll bestätigen: Dünnes Bier, fettes Essen, sehr lautes Geschrammel. Und trotzdem werden einem die USA hier endlich wieder richtig sympathisch. Dem Café gegenüber verlaufen übrigens jene Gleise, die in den Vierzigern und Fünfzigern die afro-amerikanischen Arbeiter aus dem Mississippi-Delta in die großen Städte führten, nach Memphis oder gar Chicago, wo dann der Blues bald elektrifiziert wurde. Und was macht der dankbare Delta-Bewohner, wenn der Zug vorbeifährt und tutet?

Er winkt ihm zu.

Kleinkinder und Zigarrenraucher - Das Bentonia-Blues-Festival als eine Art alternatives Disneyland.
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Kommentare 2
  1. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor 2 Monaten

    Wenn ich mal eine Bar eröffne, nenne ich sie auf jeden Fall "Advanced Hühnerstall". Du bekommst dann einen Flatrate-Deckel versteht sich.

    1. Richard Oehmann
      Richard Oehmann · vor 2 Monaten

      Sehr gut, ich leg dann dafür gern mal auf. "DJ Gefahr im Advanced Hühnerstall" - das klingt doch recht mondän.