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charly kowalczyk
journalist
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piqer: charly kowalczyk
Samstag, 25.04.2020

„Wie Knast oder schlimmer“ – Leben in der Klinik, aus Sicht einer mit Corona infizierten Patientin

Wir lesen, sehen oder hören viel über die Corona-Pandemie. Manchmal schon zu viel. Aus der Sicht von Virologen. Von Krankenhaus-Ärztinnen. Gesundheitspolitikerinnen. Oder auch aus der Sicht von Pflegekräften. Wir versuchen, zu begreifen, wie das Virus tickt. Wie wichtig soziale Distanz ist. Welches Medikament an welchem Ort klinisch geprüft wird und ob es Linderung oder sogar Heilung verspricht. Und nicht zuletzt hoffen fast alle, dass der Menschheit bald ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Doch wovon man selten erfährt, ist die Sicht von Patientinnen und Patienten, die in Kliniken isoliert werden. Weil sie infiziert sind. Oder erst im Krankenhaus infiziert wurden, wie eine Potsdamer Patientin. Ein gut geschriebener Artikel in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ zeichnet die Leidenszeit einer betroffenen Patientin nach, auch aus Sicht der Tochter, die um ihre Mutter bangt. Ein berührender und auch verstörender Text.

„Anna S. liegt in der Geriatrie zunächst allein auf einem Krankenzimmer. Doch kurze Zeit später bekommt sie, so sagt die Tochter, eine Zimmergenossin. Die Frau ist schwer krank, hat Fieber und Husten. Corona? Die Beunruhigung wächst zur Sorge, als die Mutter an diesem 25. März anruft. Sie berichtet ihrer Tochter von der Stationsschwester, die gerade panisch ins Zimmer gekommen sei. „Jetzt wird es bei uns wie in Italien“, habe die Schwester hervorgestoßen, „es ist überall“.

Die Patientin Anna S. wurde in der Potsdamer Bergmann-Klinik operiert, es war eine unaufschiebbare Operation. Doch mit dem Infektionsschutz läuft in der Klinik so ziemlich viel schief. Im März infizierten sich mindestens 70 Patientinnen und Patienten sowie 200 Beschäftigte. Mittlerweile sind – Stand heute – 40 infizierte Menschen in der Potsdamer Klinik gestorben. Andere wurden infiziert in Pflegeheime entlassen und dort steigen jetzt die Infektionen – und auch die Todesfälle. Die bisherigen Chefs der Bergmann-Klinik sind beurlaubt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob im Krankenhaus Fehler gemacht worden sind, die auch zum Tod von Patientinnen und Patienten geführt haben.

„Anna S. wird auf die Covid-Station verlegt. Ein kleines, enges Drei-Bett-Zimmer. Zwei sehr kranke Frauen liegen dicht an dicht mit ihr. Das Fenster Milchglas, nur ganz oben ist ein Streifen frei, lässt sich der Himmel sehen. Keiner darf es verlassen. Nicht einmal auf den Flur dürfen sie, im Zimmer reicht der Platz kaum für ein paar wenige Schritte. So schildert es Anna S. ihrer Tochter am Telefon. Die hört bei diesen Telefonaten nicht nur die Stimme ihrer Mutter, sondern auch das Stöhnen der schwer erkrankten Bettnachbarin. Dann bekommt Anna S. Fieber. Eine „wahnsinnige Angst“ habe ihre Mutter da erfasst, sagt Marita L. „Da sind ihr alle Felle weggeschwommen.“ Marita L. telefoniert mit ihrer Mutter, „fast rund um die Uhr“, aktiviert die ganze Familie, Freunde. „Das war die allerschlimmste Zeit. Diese Hilflosigkeit, ihr nicht beistehen zu können, und dann auch noch zu wissen, dass sie nicht gut aufgehoben ist dort“, sagt Marita L. „Ich bin nur herumgerannt wie ein Tiger im Käfig.“

Wenn alles gut geht, das Fieber ist inzwischen gesunken, wird Anna S. wieder gesund werden. Die Patientin erzählt ihrer Tochter, wie überfordert das Pflegepersonal ist. Viele seien engagiert, aber selbst hoch gefährdet. Haben Angst. Kein Wunder, dass tagelang die Bettwäsche nicht gewechselt wird. Doch vor allem bleibt ihnen selbst wenig Raum im Klinikalltag, den Kranken ihre Angst zu nehmen:

„Man sagte ihr, sie müsse doch wissen, dass es anderen viel schlechter gehe.“ Ihre Mutter habe einen „eisernen Lebenswillen und einen Humor, der vieles überspielt“. Doch wie lange wird sie aushalten, durchhalten? „Ich fürchte, dass unter diesen Bedingungen noch mehr Patienten im Klinikum sterben“.

„Wie Knast oder schlimmer“ – Leben in der Klinik, aus Sicht einer mit Corona infizierten Patientin

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Kommentare 2
  1. Theresa Bäuerlein
    Theresa Bäuerlein · vor 6 Monaten

    Es wird viel zu wenig thematisiert, dass Krankenhäuser zu den Orten gehören, an denen sich das Virus am stärksten verbreitet. Was ich noch zum dem piqd ergänzen möchte: Bei der Ermittlung der Staatsanwaltschaft geht es auch um den Verdacht der fahrlässigen Tötung. Seit dem 26. März sind 39 Covid-Patienten in der Bergmann-Klinik gestorben.

    1. charly kowalczyk
      charly kowalczyk · vor 6 Monaten

      Ja, das ist wohl wahr, Krankenhäuser sind wie Pflegeheime Orte, an denen sich das Virus am stärksten verbreitet. Mittlerweile sind schon 43 Covid-Patienten in der Bergmann-Klinik gestorben und es ist noch nicht das Ende. Nun klagt auch noch eine Tochter gegen die Klinikleitung, weil ihre 84-jährige Mutter an der Lungenkrankheit gestorben ist. Ihr Vorwurf ebenfalls: Verdacht auf fahrlässige Tötung...

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