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Zukunft und Arbeit

Das Konzept von "Arbeitsmoral" als Werkzeug der Unterdrückung?

Ole Wintermann
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Ole WintermannMittwoch, 31.03.2021

Wie kann es sein, dass trotz der schlechten Gehaltsperspektiven für den größten Teil der Beschäftigten, trotz der schlechten Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor und trotz des zunehmenden Stresses und der steigenden Arbeitsdichte die Bedeutung einer “guten” Arbeitsmoral (in den USA) von den Betroffenen selbst so hoch gehalten wird?

Jamie McCullum schildert in seinem Beitrag bei AEON die so typische und repräsentativ wirkende Geschichte des Lebens von Andrew Russel, einem Mann, aufgewachsen im ländlichen Nebraska. Schon als Teenager hatte er jeden Job angenommen, der sich ihm anbot. Insbesondere in der regional verankerten Erntearbeit fand er als Heranwachsender den Sinn in “guter Arbeit”. Ihm blieb höhere Bildung jedoch verschlossen, so dass er in seinem ersten Jahren des Berufslebens viele verschiedene Tätigkeiten ausgeführt hat, die keiner höheren formalen Bildung bedurften. Irgendwann schien ihm der recht hohe körperliche und zeitliche Einsatz, um auch nur auf ein Mindestniveau an Gehalt zu kommen, nicht mehr gerechtfertigt. Über den Schwarzmarkt endete er dann irgendwann im Verkauf von Crystal Meth und im örtlichen Gefängnis. Danach kam er in eine Art “Umerziehungslager” (im Original “Incarceration Work Camp” und “Work Ethic Camp”), dessen Ziel es ist:

"That offers a chance to ‘re-enter their home communities from Work Ethic Camp with a practised routine work schedule, experience in teamwork, and a positive work ethic’."

Oder wie ein Mitgefangener es auf den Punkt brachte:

"‘It’s just as important to believe in work as it is to do it."

Der normale Arbeitslohn für die Tätigkeiten, die die Inhaftierten außerhalb der Camps ausüben, beträgt $ 1,21.

Der Autor sucht nach den Gründen für diesen gerade irrational anmutenden Glauben an die positive Bedeutung von “Arbeitsmoral” in der US-Gesellschaft und findet sie in der Mischung aus protestantischer Arbeitsethik (Verweis auf Max Weber) und dem Glauben, als Land weltweit eine besondere Bedeutung zu haben, die sich eben aus guter ehrlicher Arbeit ergibt. Hinzu kommt die Selbstdefinition als wertvoller Teil der Gesellschaft, wenn harte ehrliche Arbeit geleistet wird. Gerade diese Auffassung war aus Sicht des Autors der Grund für das Klassenbewusstsein der bildungsfernen Schicht, deren Mitglieder sich nicht mit unnötiger Zeit in der Schule aufhalten, sondern gleich zur Tat schreiten wollten. Am Ende steht nun die fatale Erkenntnis:

“Workers ended up ‘wanting what they get’ rather than ‘getting what they want’. The work ethic, in other words, is a form of resignation, a product of defeat.”

Und die bildungsnahe Elite weiß diese Bedeutung der Arbeitsmoral in dieser Klasse für sich zu nutzen.

Wie können wir uns aus diesem moralisch selbst gewählten Gefängnis befreien? Der Mensch kann in der überwiegenden Mehrheit nur in der freien Zeit er selbst sein. Für die Mehrheit ist die Arbeit nur schnöder Broterwerb und nicht Selbsterfüllung. Oder wie es ein Interviewpartner aus dem Niedriglohnbereich dem Autor gegenüber formulierte:

"What really matters is everything we do outside our jobs to strengthen our community – that’s the real work."

Wir benötigen nicht die gesamt Arbeitszeit, die wir gegenwärtig nutzen, um einen Job zu erfüllen, um gesamtgesellschaftlich die Produkte und Dienstleistungen zu produzieren, die wir gegenwärtig anbieten. Wir müssen uns aus diesem Gedankengefängnis der notwendigen und "guten harten Arbeit" befreien.

"We don’t need prisons to teach the work ethic any more than Nazis needed that ‘Arbeit Macht Frei’ sign at the entrance to Auschwitz."

Wir sollten von einer Arbeit lassen, die nur dazu dient, den Profit einiger weniger ins Unermessliche zu steigern, sondern sollten uns auf sozial sinnvolle und erfüllende Arbeit konzentrieren. Wir müssen die Institutionen – wie die Schulen – reformieren, die uns weismachen wollen, dass die Erfüllung des Lebens in “harter Arbeit” liege, so der Autor.

Das Konzept von "Arbeitsmoral" als Werkzeug der Unterdrückung?

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Kommentare 1
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 11 Tagen

    hui. Sehr wahr. ArbeitsMoral ist oft sklavenmoral... Auch in Deutschland herrscht der Gedanke vor dass 1 man mit ehrlicher harter Arbeit voran kommt und 2 die die nicht voran- oder auch nur durchkommen, nicht genug gearbeitet haben. (Kleine persönliche Anekdote am Rande: ich muss häufiger erklären warum ich denn nicht zeitlich aufstocke. um mehr zu verdienen und um nicht morgens um 9.oo noch im Bett zu liegen... Seit kurzem frage ich zurück wieso derjenige denn Vollzeit arbeitet und kaum Zeit für Familie hat und immer noch nicht reich ist.)
    Der 4-in1-Gedanke von Prof. Haus könnte uns gesellschaftlich in Zukunft helfen.

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