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Zeit und Geschichte

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Dienstag, 27.06.2017

Wie die englische Selbstgefälligkeit in den Abgrund führt — Hilary Mantel über ihr Land

Vor allem durch ihre historischen Romane ist Hilary Mantel bekannt; zweimal bekam sie dafür den Booker-Preis. Nur J. M. Coetzee gelang Vergleichbares. Möglicherweise folgt sie diesem auch mit dem Literaturnobelpreis.

Ihre in der Gegenwart spielenden Erzählungen und ihre Essays sind zumindest hierzulande im Schatten ihrer literarischen Geschichtswerke, die spannend zu lesen sind und historische Grundmuster enthüllen.

Selten empfängt Hilary Mantel Journalisten, nun erzählte sie Stefanie Bolzen ihre Ansichten zu Trump, May und dem Brexit.

Herausgekommen ist eine Analyse wie die Engländer mit ihrer Geschichte umgehen:

England hat sich niemals den vielen Selbstprüfungen unterzogen wie Deutschland seit 1945. Das hat Deutschland einen moralischen Führungsanspruch gegeben. Während die Leute hier eigentlich anfangen müssten, sich die schmerzhafte Frage zu stellen, wer sie eigentlich sind.

Freilich, könnte man einwenden, man habe das auch nicht in gleicher Weise gemusst. Aber der Verlust des Imperiums hätte tieferes Nachdenken erfordert, auch Selbstkritik:

Wir haben hier in England mit der Illusion gelebt, dass wir ein viel netteres Land seien. Nicht rassistisch, nicht frauenfeindlich, nicht antisemitisch. Nichts von dem ist wahr. Vielleicht sind wir ein bisschen weniger rassistisch, ein bisschen toleranter als vor 30 Jahren.“

Hart, aber fair beurteilt sie die zweifelslose Seele der Engländer:

Das kann man nicht haben, wenn das eigene Land erst in jüngerer Zeit entstanden ist oder weil Grenzen durch Verträge geändert wurden. Solche Nationen verstehen ihre eigene Existenz nicht als naturgegeben. Die Engländer hingegen erfreuen sich der Selbstgefälligkeit.

Wie die englische Selbstgefälligkeit in den Abgrund führt — Hilary Mantel über ihr Land
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Kommentare 5
  1. Marion Bruchhäuser
    Marion Bruchhäuser · vor mehr als einem Jahr

    Auch die dritte Folge der Reith Lectures von Hilary Mantel ist jetzt verfügbar, wer sich für sie interessiert. www.bbc.co.uk/programme...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor mehr als einem Jahr

      Das ist ein guter Hinweis. Danke!
      Und wer ein Buch lesen möchte: Ihr bekanntester Roman WOLF HALL ist ein guter Einstieg.

  2. Daniel Schreiber
    Daniel Schreiber · vor mehr als einem Jahr

    Danke für die interessante Empfehlung! Mantel ist ein so wunderbare und kluge Autorin. Ich bin mir aber nicht ganz sicher über die Kontextualisierung ihrer Worte in diesem Text. Es gibt neben der englischen Selbstgefälligkeit eben auch so eine deutsche Selbstgefälligkeit, die sich immer gerne erzählen lässt, die Deutschen hätten ihre Geschichte aufgearbeitet und weil niemand anderes das so toll gemacht hätte, würden alle anderen jetzt auch vor dem Abgrund stehen. Das ist ein Gefühl moralischen Exzeptionalismusses, das leider eine unfreiwillige Fortführung anderer deutscher Exzeptionalismus-Ideen darstellt...

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor mehr als einem Jahr

      Vollkommen einverstanden. Deshalb schränkte ich ein, dass die Engländer es auch nicht in gleicher Maße gemusst hatten.

      Und es gibt bei unseren Auseinandersetzungen mit der Geschichte durchaus Flecken, die bis in die Gegenwart wirken.

      Der britische Historiker Mark Mazower ist überzeugt, „dass alles, was in Griechenland auf den Zweiten Weltkrieg folgte – der Bürgerkrieg, die bleibenden Narben, die er hinterließ, ja sogar die Demokratisierung des Landes nach 1974 –, nur vor dem Hintergrund des totalen Zusammenbruchs von Staat und Gesellschaft zu begreifen ist, den die deutsche Besatzung und ihre tödlichen Folgen mit sich brachten. Die Besatzung potenzierte die bestehenden Schwächen des griechischen Staatsapparats und entlarvte die Kraftlosigkeit des Staatsgründungsprojekts.“

      Und das legte er in einer eindrucksvollen Monographie nieder, die - im Gegensatz zu seinen anderen Büchern - über 20 Jahre nicht in deutscher Übersetzung vorlag.

      Mir ging es vor allem darum, auf Hilary Mantel hinzuweisen, die bei vielen hierzulande unbekannt ist oder als historische Schmöcker-Autorin verkleinert wird.

    2. Daniel Schreiber
      Daniel Schreiber · vor mehr als einem Jahr

      @Achim Engelberg Danke für die Einschätzung und den Hinweis auf Mark Mazower und Griechenland - das klingt sehr interessant, muss ich mir gleich mal besorgen...