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Zeit und Geschichte

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Donnerstag, 11.05.2017

Was hätte Luther dazu gesagt? Einige Linke formulieren Thesen für eine neue Reformation.

Geschiche ist geronnene Politik und Politik ist werdende Geschichte. Dabei gibt es Tatsachen und Symbole. Wahrscheinlich hat Luther seine Thesen, die die Kirche reformieren sollten, aber sie tatsächlich spaltete, gar nicht angeschlagen. Doch die rebellische Geste, dass Luther seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt hat, blieb im Gedächtnis.

500 Jahre später nahmen einige Linke diese Geste auf und formulierten 95 Thesen gegen die Herrschaft der Finanzmärkte.

Was zu Luthers Zeiten begann, hat heute einen neuen Höhepunkt: die Herrschaft des Geldes. Die Demokratie ist in Gefahr. Die Politik ist an den Vorgaben der Finanzmärkte und den Interessen des oberen, reichen einen Prozents der Bevölkerung ausgerichtet. Eine Umkehr, eine Reformation ist nötig.

So die These 1 dieses Aufruf zum Wandel, der den Ablasshandel der Lutherzeit mit der grassierenden direkten und indirekten Korruption in Verbindung setzt. Ineinander verzahnt ergeben diese Thesen eine sprachlich geschliffene Anklage, eine Bestandsaufnahme einer Welt aus den Angeln, die so endet:

Nur durch den Druck aus der Gesellschaft und bürgerschaftliches Engagement wird es möglich sein, die Reformblockade im politischen und gesellschaftlichen System zu überwinden.

Bei dieser Begegnung könnte man an den legendären Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin denken, der den Kapitalismus einmal als Religion charakterisierte.

Direkter:

Umbruch oder Versumpfung — das ist hier die Frage.

Was hätte Luther dazu gesagt? Einige Linke formulieren Thesen für eine neue Reformation.
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Kommentare 5
  1. Georg Wallwitz
    Georg Wallwitz · vor 11 Monaten

    Das hört sich an wie Marx, verkleidet als Luther.

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 11 Monaten

      Sicherlich sind die Autoren von Marx stärker geprägt als von Luther. Sie übernahmen zum einen von Luther die Form, aber zum anderen die heutige zweifelhafte kulturelle Form, dass sich mit Geschichte vor allem im Gedenkjahrrhythmus auseinandergesetzt wird. Zwar erlebte und analysierte Marx die Macht der Finanzmärkte - vor allem nach der transnationalen Krise der vorrangig kapitalistischen Welt von 1873, die in Wien begann, und Wellen schlug bis nach New York und Berlin -, aber eine Macht wie heute hatte im Industriezeitalter die Banken nicht. Und damit verbunden: Marx glaubte, das "revolutionäre Subjet" zu kennen. PROLETARIER ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH. Die Autoren der Thesen dagegen hoffen auf die Gesellschaft und bürgerschaftliches Engagement. Wo ist denn da der Klassenstandpunkt?

    2. Georg Wallwitz
      Georg Wallwitz · vor 11 Monaten

      @Achim Engelberg Ob der Klassenstandpunkt richtig getroffen ist, kann ich nicht beurteilen, diese Kategorisierung überfordert mich.
      Was mich mehr verblüfft ist die Ferne von der Realität, die aus vielen dieser "Thesen" spricht. Das ist (so leid es mir tut) ein Offenbarungseid, der da an die linke Kirchentür gehauen wird. Luther bekam Gehör, weil er auf echte Missstände hinweisen konnte. Was die Linke da anprangert, sind Gespenster.
      Es wäre ermüdend, alles auseinanderzunehmen. Aber jeder der einigermaßen etwas von Finanzmärkten versteht, weiß, dass sie nicht "außer Kontrolle" sind (Thesen 8, 19). Es gibt kaum einen Bereich, der so dicht reguliert ist. Die Regulierung ist einfach nur schlecht - nur gibt das der Staat nicht gerne zu.
      Oder These 28, es "wurde aus der Finanzmarktkrise eine Staatsschuldenkrise." Die Staaten, die eine Schuldenkrise hatten/haben, haben diese sicher nicht aufgrund der Finanzkrise.
      Oder These 59, nach der staatlich geführte Banken besser oder sicherer seien: Auch das widerspricht der Erfahrung (IKB, Sachsen-LB etc.).
      usw.

      Schade ist, dass unter dem (marxistischen??) ideologischen Ballast das Richtige, welches sich in den Thesen durchaus findet, verschüttet wurde.

    3. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · vor 11 Monaten

      @Georg Wallwitz Eine Krise des linken Denkens sehen auch etliche Kritiker dieses Buches: www.perlentaucher.de/buch/hein...
      Nach dem Ende der DDR dachte ich, dass ich Diskussionen über den Klassenstandpunkt nicht mehr erleben würde. Zu meiner Überraschung gibt es diese nicht etwa in linken Sekten, sondern in der Berliner Schaubühne tief im bürgerlichen Charlottenburg oder im großen Saal der Akademie der Künste mit Blick auf das Brandenburger Tor und den Reichstag.
      Sicherlich ist die griechische Staatskrise nicht ursächlich mit der Finanzkrise verbunden. Noch nie gab es in Griechenland einen starken Staat - das war schon im 19. Jahrhundert so. Allerdings verschärfte die Finanzkrise die griechische Krise enorm. Und ein Großteil der "Hilfsgelder" rettete Banken, die - wie es hieß - „zu groß, um pleitezugehen“ waren. Eigentlich hätte es wohl heißen müssen: „zu verflochten, um pleitezugehen“.
      Ich wählte die Thesen für Piqd aus, weil der Leser, wie Du ja anmerkst,
      1.) vieles Richtiges findet und
      2.) Widersprüche heutigen linken Denkens, die jeder in Publikationen wie dem oben genannten Buch lesen kann, hier in komprimierter Form findet.

    4. Georg Wallwitz
      Georg Wallwitz · vor 11 Monaten

      @Achim Engelberg Darauf können wir uns einigen! :-)