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Zeit und Geschichte

Dirk Liesemer
Autor und Reporter
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piqer: Dirk Liesemer
Donnerstag, 01.12.2016

War Neville Chamberlains Appeasement-Politik richtig?

Ich finde das Debattenformat von Intelligence Squared großartig und wundere mich, dass es noch nicht in Deutschland aufgenommen worden ist: Es geht immer um eine Frage, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden darf. Vorne auf einem Podium argumentieren zwei versierte Redner genau zehn Minuten lang für ihre jeweilige Position — immer witzig, kurzweilig, pointiert. Die Zuschauer müssen vorher und nachher entscheiden, welche Position stärker ist. In diesem Falle geht es um die Frage: Did Neville Chamberlain the right thing? (Dabei streiten bei dieser Frage ausnahmsweise einmal zwei Redner für Ja und zwei für Nein.)

Gemeint ist Chamberlains Appeasement-Politik gegenüber Adolf Hitler. Hierzulande dürfte die Antwort ziemlich eindeutig Nein heißen. Die britische Beschwichtigungspolitik wird mitverantwortlich für den Zweiten Weltkrieg gemacht. Der Lauf der Geschichte gibt dieser Position recht. Doch hatte Chamberlain eine andere Wahl? War es etwa schon 1936 möglich, dass eine große Koalition der Willigen gegen Deutschland in einen Krieg gezogen wäre? Und welche Wirkungen hätte ein Einmarsch alliierter Soldaten ins Rheinland auf die deutsche Bevölkerung gehabt?

Ich habe diese Debatte aus zwei Gründen gepiqt: Das Thema Appeasement taucht in den vergangenen Wochen regelmäßig in den Schlagzeilen auf (Erdogan, Putin, Trump). Immer wird der Begriff dabei als Vorwurf der Schwäche verwendet. Zum anderen zeigt die Intelligence-Squared-Debatte - was mich selbst überrascht hat -, welche durchaus triftigen Argumente für Chamberlains Politik gesprochen haben. Das Votum der Zuschauer fällt dann auch weniger eindeutig aus, als man erwarten würde.

War Neville Chamberlains Appeasement-Politik richtig?
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Kommentare 4
  1. Gurdi (Krauti)
    Gurdi (Krauti) · vor 10 Monaten

    Interessantes Thema wie ich finde. Mich stört dieser Begriff in den aktuellen Debatten auch sehr, vor allem weil er nichts gemeinsam hat mit der damaligen Lage und sich nur sehr schwer auf Muster von heute übertragen lässt, anders als manch Andere historische Parallele.

    Aus strategischer Sicht blieb den Briten nichts anderes übrig, innenpolitisch sowie Außenpolitisch, wie auch militärisch. So zumindest meine Einschätzung. Auch der beginn des 2 Weltkrieg lief absolut nicht nach den Vorstellungen der Briten, insbesondere Hallifax hatte sich schwer verkalkuliert.

    1. Kent Gürel
      Kent Gürel · vor 10 Monaten

      Ich erkenne schon sich wiederholende Muster. Wie gehen wir mit Diktatoren um, wenn sich Interessen teilweise überschneiden oder wir "alternativlos" nach Lösungen greifen? Die Betrachtung der Geschichte "ex post", also mit dem Wissen um den Ablauf der Geschehnisse, muss per se andere Möglichkeiten des Handelns vorschlagen-die "ex ante" nicht erkennbar oder wählbar waren.

    2. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor 10 Monaten

      @Kent Gürel Klingt durchaus sinnig was Sie da sagen, aber welche Lehren aus dem genannten Thema ziehen? Wie einen Diktator definieren wenn er frei gewählt wurde? Was ist überhaupt Appeasement und was ist Diplomatie?

      Was wenn man eine härteren Kurs fahren möchte aber innenpolitisch sowie militärisch gar nicht dazu in der Lage ist? Auf Zeit spielen und die Ausgangslage verbessern oder hohes Risiko eingehen?

      Man könnte auch mal versuchen die Dinge von vorne auf zu ziehen. Was wenn man Deutschland seine alten Grenzen wieder zugestanden hätte und die Briten sich Deutschland wieder angenähert hätten, es gab durchaus Strömungen in GB die dies entschieden Befürworteten. Wäre dass alles friedlicher Verlaufen oder noch mehr eskaliert.

      Das ganze sind noch einfach gestrickte Fragen und selbst diese sind schwer zu beantworten.

    3. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 10 Monaten

      Andererseits hat Tony Blair gezeigt, dass man ein Land auch gegen den Willen der Mehrheit der Menschen und der eigenen Parteifreunde in einen Krieg trommeln kann. Und das sogar mit Lügen.