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Zeit und Geschichte

Achim Engelberg
Dr. phil.
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piqer: Achim Engelberg
Sonntag, 14.04.2019

Unpiq: Die Hüter vom Jetzt sind unruhig Oder: Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine

Da man Richard Schröder kostenlos lesen kann - im Gegensatz zu Winand von Petersdorff - wählte ich ihn aus. Andere Beispiele gibt es. 

Entscheidend: Der geschichtliche und wirtschaftliche Konsens der 1990er Jahre ändert sich.

Bei Schröder geht es um die Historie. Aus Angst vor Änderungen werden alte Deutungen gelobt:

Die Planwirtschaft ist stets schlecht, die Treuhand war gut.

Aber das eine Reform einer Planwirtschaft möglich ist, sieht man in China.

Die Idee der Treuhand stammt von vorausschauenden Bürgerrechtlern, die damit das Volkseigentum der DDR-Bürger schützen und an die Besitzer weitergeben wollten. Die Kohl-Regierung wandelte diese aber zum Instrument, um ihre konservative Wirtschaftspolitik im Osten zu etablieren und im Westen zu stabilisieren. Wesentlich war dabei, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren. Damit veränderte die Treuhand die bisherige Bundesrepublik. Der Staat zog sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung für die Wirtschaft zurück. Die Möglichkeiten politisch alternativen Handelns schränkten sich ein.

Aufschlussreich dazu Christa Luft, Wirtschaftsministerin der Modrow-Regierung, in OXI 4/19:

Es ist eine Mär, das alles marode war. Ich denke mir überhaupt der Begriff "marode" ist entstanden, als Westdeutsche manche DDR-Innenstädte gesehen haben und die waren ja wirklich marode. Aber kaum jemand von denen war jemals in einem modernen ostdeutschen Industriebetrieb. Westdeutsche Manager, die sich auskannten, haben das schon differenzierter betrachtet.

Nicht nur national falsch, sondern weltgeschichtlich fatal ist, wie Schröder die deutsche Teilung mit dem Islam verbindet:

Muslime dagegen haben nicht 40, sondern 1500 Jahre eine andere Kultur entwickelt und auch sich selbst als das andere gegenüber dem christlich geprägten Europa verstanden, das zu unterwerfen unbedenklich erschien.

Die für Europa wichtige Renaissance (Wiedergeburt) gäbe es ohne Überlieferungen der antiken Welt über die arabische nicht.

Das Große bleibt groß nicht ...

Unpiq: Die Hüter vom Jetzt sind unruhig Oder: Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine
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Kommentare 5
  1. Thomas Wahl
    Thomas Wahl · Erstellt vor 4 Tagen ·

    Ich kenne die DDR-Industrie ziemlich gut. Habe da gelernt, gearbeitet und habe als Innovationsforscher zuletzt auch die Entwicklung analysiert. Nach der „Wende“ hatte ich das Glück über die Forschungsförderung an der Stabilisierung einiger weniger Kerne der Mikroelektronik ein wenig mitwirken zu können. Also die DDR-Wirtschaft war wirklich großteils marode. Auch die moderneren Teile waren meist nicht auf dem Stand der Technik und in der Größe und Positionierung auf dem Weltmarkt nicht überlebensfähig. Christa Luft hat wie viele DDR-Ökonomen den Alltag der DDR-Betriebe wohl nie erlebt. Jedenfalls hatte man in Diskussionen den Eindruck immer wieder. Ob die Treuhand „den Westen“ wirtschaftlich wirklich stabilisiert hat wage ich zu bezweifeln. In den 90ern ging es der deutschen Wirtschaft nun wirklich nicht gut. Wie auch immer, mit der Währungsunion und der Lohnentwicklung sowie dem Zusammenbruch des RGW wir das Schicksal der DDR-Wirtschaft besiegelt.

    Es gibt eine spannende Zusammenstellung von Interviews mit DDR-Wirtschaftsführern „Der Plan als Befehl und Fiktion“ (Westdeutscher Verlag 1995). Auch die kleine Wirtschaftsgeschichte von Andre Steiner „Von Plan zu Plan“ ist empfehlenswert. Die Frage ob Planwirtschaft stets schlecht ist, halte ich für falsch gestellt. Die Frage ist, wer plant was auf welcher Ebene in welchem Detail. Unternehmen planen sehr wohl und auch Staaten setzen sich wirtschaftliche Ziele. Ob nun China eine (erfolgreiche) Landwirtschaft ist oder sein wird, das sollte man genauer analysieren. Ist das Motto „bereichert euch“ ein Plan? Ihre geplanten Wachstumsziele scheint die Partei dort jedenfalls meist zu verfehlen - kennen wir doch?

    Eine weitere Neue ökonomische Politik hätte wohl die DDR-Bevölkerung gar nicht mit gemacht. Mir hat man jedenfalls damals Prügel angedroht, als ich sagte, die D-Mark wird den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft bewirken. Also das war eigentlich unmittelbar klar in der Wende. Die Treuhand brauchte es dafür nicht.

    M.E. verbindet Schröder die deutsche Teilung überhaupt nicht mit „dem Islam“. Er sagt nur, dass der Vergleich der Ostdeutschen mit zugewanderten Muslimen Unsinn ist. Den kulturellen Beitrag der Muslime zur Entwicklung Europas bezweifelt er schon gar nicht.

    Gerade deswegen aber ein spannender Artikel .......

    1. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · Erstellt vor 4 Tagen ·

      Danke für Deinen umfangreichen, bedenkenswerten Kommentar.

      Das ist ein weites Feld, wie es ein Schriftsteller schrieb, dessen 200. Geburtstag wir gerade feiern. Deshalb nur einige Anmerkungen.

      Die angedrohte Prügel verbindet Dich mit Christa Luft, die deswegen Anfeindungen erlebte - so jedenfalls im Interview.

      Meine Erfahrungen in der DDR-Wirtschaft beschränken sich auf den Schulunterricht. Ich falle also unter eine neue Gnade der späten Geburt. Allerdings schrieb ich von Mitte bis Ende der 90er Jahre Reportagen und Berichte im Auftrag der Böckler-Stiftung über den Umbruch in Ostdeutschland. Ich sprach mit Arbeitern und Managern, Beratern und Gewerkschaftler; natürlich auch mit Passanten und Zufallsbekanntschaften.

      Dabei fiel mir auf, dass viele unterschieden, welcher Betrieb für sie marode war und welcher nicht. In Wittenberge regten sich alle auf, dass das Nähmaschinenwerk durch die Treuhand plattgemacht worden sei. Die anderen Fabriken seien Schrott gewesen.

      Wie genau Christa Luft als Wirtschaftsprofessorin die Betriebe kannte, weiß ich nicht. Zumindest kritisiert sie die gewöhnliche Sicht auf die DDR-Wirtschaft und das Agieren der Treuhand seit über einem Vierteljahrhundert. Nur PDS-Anhänger unter meinen Gesprächspartnern kannten und lobten sie in den 1990er Jahren.

      Allmählich rückte ihre Kritik, aber auch die von anderen, ins Zentrum.

      2012 erschien dieses Buch immerhin bei Randomhouse und wurde ein Bestseller.
      https://www.randomhous...

      Wie die DDR immer, da die Träume nicht aufgingen, mit "real existierender Sozialismus" eingeschränkt wurde, so werden Bürgerrechtler häufig "ehemalige" genannt. Und viele mäkeln und maulen nur noch, wenn sich Sichtweisen ändern. Deshalb finde ich viele mittlerweile unerträglich.

      Rolf Henrich oder Friedrich Schorlemmer nehme ich aus, aber die werden auch nicht ehemalige genannt.

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · Erstellt vor 3 Tagen ·

      @Achim Engelberg Ich kenne die unterschiedlichen Narrative zur DDR ja auch aus meinem Umfeld. Marode ist ja nur ein Faktor gewesen, dazu kommen die entsprechende Positionierung in Märkte, die Produktivität, der Zeitfaktor und das Personal. In einer idealen Umgebung, in der Zeit und Geld keine Rolle spielt, die Märkte stabil geblieben wären, da hätten sich mehr Betriebe über die Verhältnisse retten lassen. Eine solche Situation gab es nicht und sie war auch nicht herstellbar. Die westlichen Gewerkschafter waren ja ebenfalls nicht ganz interessenfrei - sie wollten die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder schützen. Ostlöhne, die der Produktivität dort angemessen gewesen wären, das war ihnen ein Graus. Die ehemaligen Partner im RGW wollten für harte Währung natürlich auch nicht die alten Produkte. Die DDR-Bürger wollten erst mal nur Westprodukte - bis hin zu Butter und Brot. Die Treuhand arbeitete auch nicht fehlerfrei, so wie die Politik ihrerseits. Und so fügt sich ein Faktor an den anderen.

      All unsere Eigenerzählungen sind natürlich subjektiv gefärbt und immer relativ zur „wirklich wahren“ Wirklichkeit. Noch weiter weg sind natürlich die Träume. Sie gehen daher fast nie auf. Rolf Henrich oder Friedrich Schorlemmer sind, so weit ich das beurteilen kann, sicher integre Personen. Meine Eltern waren mit Christa Luft etwas befreundet - auch da Hochachtung vor der Persönlichkeit. Über die Richtigkeit ihrer Positionen besagt das (fast) nichts. Und mäkeln tut Schorlemmer auch ganz gut ;-)
      Von Henrich hab ich lange nichts gehört? Ob man nun die einen oder anderen als „ehemalig“ klassifiziert, liegt daher im Auge des Betrachters. Also lass uns weiter beobachten, streiten und kommentieren ......

    3. Achim Engelberg
      Achim Engelberg · Erstellt vor 3 Tagen ·

      @Thomas Wahl Einverstanden!

      Von Henrich erschien gerade ein neues Buch:
      https://www.deutschlan...

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · Erstellt vor 3 Tagen ·

      @Achim Engelberg Oh, danke. Sein vormundschaftlicher Staat hat mich damals beeindruckt. Und das neue klingt auch spannend ....