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Zeit und Geschichte

Hauke Friederichs
Journalist
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piqer: Hauke Friederichs
Samstag, 11.06.2016

Special Agent Willy?

Die Central Intelligence Agency hat einen schlechten Ruf: Der Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten von Amerika hat in seiner Geschichte unzählige Morde begehen lassen, Putsche ausgelöste, Staatsstreiche unterstützt, Waffen geliefert, Söldner geschickt und Politiker bestochen. Auch in Deutschland hat die CIA im Kalten Krieg massiv die politische Landschaft beeinflusst – auch mit Geldzahlungen. Nun berichtete der Spiegel, dass auch Willy Brandt mit finanziellen Mitteln der Geheimdienstler versorgt wurde - korrigierte die Meldung dann aber rasch wieder. Das Geld sei aus den Mitteln des Marshall-Funds gekommen.

"So ließen die Amerikaner 1950 dem damaligen Westberliner Bundestagsabgeordneten 200.000 Mark zukommen, was etwa einem Drittel der jährlichen SPD-Mitgliedsbeiträge in Berlin entsprach", schreibt Einestages von Spiegel Online.

Ausgerechnet Willy Brandt ein Zahlungsempfänger der Amerikaner, diese Ikone der Sozialdemokratie, Hassgegner der Rechten um Franz-Josef Strauß, Freiheitskämpfer im Kalten Krieg. Auch ohne den CIA-Bezug sorgt die Meldung nun für Aufregung. Ließ sich Willy Brand kaufen?, fragt die FAZ etwa. Die Welt stellt fest: "Die US-Besatzungsmacht hat den späteren deutschen Kanzler und SPD-Chef Willy Brandt in den 50er-Jahren mit geheimen Zahlungen im SPD-internen Machtkampf unterstützt."

Ausgelöst hat die Aufregung die  Recherche des Historikers Scott Krause. Er stellte seine Ergebnisse am Freitag in der Räumen der Willy-Brandt-Stiftung in Berlin vor. Die finanzielle Hilfe sie als Kauf von Zeitungssonderbeilagen getarnt. Zum drastisch überteuerten Preis von 200.000 Mark hätten die Amerikaner zwei je sechsseitige Beilagen beim Berliner Stadtblatt gekauft. Dessen Chefredakteur war Brandt. Demnach wäre das Geld nicht an den Politiker persönlich geflossen.

Brandt war für die Amerikaner von Interesse, weil der junge Politiker in den 1950er-Jahren für die Westorientierung seiner Partei kämpfte.  „Ja, Willy Brandt hat Zahlungen aus amerikanischen Kassen angenommen“, sagte Krause der Deutschen Presse-Agentur. „Man muss das aber im Kontext des Kalten Krieges und der Demokratisierung Deutschlands sehen. Es war ein gemeinsames politisches Projekt.“ 

Special Agent Willy?
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Kommentare 16
  1. Christoph Weigel
    Christoph Weigel · vor mehr als einem Jahr

    das US- geld zu nehmen und dann trotzdem entspannungspolitik zu machen hat schon dialektische rafinesse, nicht wahr?

    1. Hauke Friederichs
      Hauke Friederichs · vor mehr als einem Jahr

      Habe Ihren Gedanken noch mal aufgegriffen: www.piqd.de/zeitgesch...

    2. Hauke Friederichs
      Hauke Friederichs · vor mehr als einem Jahr

      Schöner Gedanke. Ein Kniefall gegen die Interessen ehemaliger Förderer.... Mit dem CIA in den 1950er-Jahren zusammenzuarbeiten (was weiterhin nicht bewiesen ist) und dann später als Kanzler über einen Ost-Block-Agenten zu stürzen, das hätte dann etwas vom berüchtigten Witz der Geschichte.

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

    "...als die USA die SPD kauften" ? Mir fehlen echte weiter Informationen, aber es dürfte ja erlaubt sein anzunehmen, dass diese Zahlungen Teil eines Ganzen sind. Und bissl egal oder, ob das Geld von CIA oder aus dem Marshall-Funds kam?

    Diesem Text von Karsten Voigt nach, war Brandts US-Sicht ambivalent und sein politisches Verhalten zumindest nicht dauerhaft gekauft: www.seeheimer-kreis.de/index.php
    Ist ja schon mal was.

    1. Hauke Friederichs
      Hauke Friederichs · vor mehr als einem Jahr

      Lieber Marcus, das finde ich ganz und gar nicht. Direkt von einem Geheimdienst Geld zu nehmen fände ich verwerflicher als Mittel zu kassieren, die für die Entwicklung Westeuropas gedacht waren. Schon die Watergate-Enthüller hatten das Motto: Folge der Spur der Scheine. Das dürfte hier auch noch interessant werden. Vielleicht öffnet die CIA in 100 Jahren einen Teil ihrer Archive? Der Seeheimer Kreis übrigens hat natürlich eine eigene Sicht auf parteiinterne Entwicklungen und vor allem auf den linken Flügel. Deine Quelle finde ich dennoch sehr interessant!

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

      @Hauke Friederichs ...man ist verleitet, sofort die vermeintliche amerikanische Generalmacht zu beklagen bei solchen Infos. Auch wenn die Quelle eine SPD-Quelle ist und der Autor noch explizit ein "USA-Beauftragter", fand ich es doch hilfreich, um eine differenzierte Sicht darauf zu bekommen, welchen Phasen so ein "Nachkriegsgenossenleben" ausgesetzt gewesen sein mag.
      Ich muss dir aber noch ein wenig widersprechen: da das Geld eben nicht für die Entwicklung Westeuropas, sondern für amerikanischen Einfluß auf die SPD verwendet wurde, bleibt es fast egal, ob CIA oder sonst woher. Oder ich muss eben den Marshall-Fund anders betrachten, als ich es bis jetzt getan habe. :)

    3. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @Marcus von Jordan Wie haben Sie den Marshall Fund denn bisher wahrgenommen? Es ist gängie Praxis über solche Organisationen sowie Projekte entsprechend Gelder zu mobilisieren. Wohltätigkeitsprojekte sind dass in den wenigsten Fällen. Gerne waschen auch die Geheimdienst Ihre Gelder über NGO´s, auch der BND.

    4. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) ...ich sag ja - egal woher!

    5. Hauke Friederichs
      Hauke Friederichs · vor mehr als einem Jahr

      @Marcus von Jordan Du hast schon Recht, das Geld überhaupt zu nehmen, ist schon zweifelhaft. Ich finde aber den Vorwurf, dass der Geheimdienst, der mit Altnazis die Operation Gladio plante, die Schweinebucht-Invasion der Exil-Kubaner oder in die Iran-Contra-Affäre verwickelt war, einen Politiker kauft, noch anrüchiger. Die Gegenleistung dürfte zumindest eine andere sein: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur um das Einwirken auf die Sozialdemokratie ging. Aber vielleicht habe ich auch zu viel House of cards gesehen...

    6. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @Hauke Friederichs Dafür muss man kein House of Cards sehen, sondern wie Sie schon richtig zitieren einfach die bekannten Operationen sowie vorgehensweisen sich genauer anschauen. Ich finde es beschämend dass man immer noch gerne den Radiergummi über solche Dinge ansetzt, anstatt dass endlich einmal klar zu bennen. Machtverhältnisse hin oder her, mir ist die Amerikanische Allmacht bewusst und jeder der Eliten kennt die Konsequenzen nicht zu kooperieren ziemlich genau. Das aber so wenige Journalisten den Mumm finden und dass endlich mal deutlich anprangern bzw. bei jedem neuen Ereignis in der Welt nicht einmal daran zu Denken glauben wer mal wieder im Hintergrund die Fäden zieht ist eigentlich schon ein Armutszeugnis für die Zunft und auch Ursprung der Glaubenskrise des Jorunalismus wie ich finde. Beispiele gibt es genug, Syrien, Libyen, Argentinien, Venezuela, Kuba, Bolivien, Ukraine etc. Soviele Zeichen hab ich hier gar nicht mehr....

    7. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) ja. ich finde auch, dass es da an Deutlichkeit fehlt.

    8. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

      @Hauke Friederichs ...also dann schau ich mir das jetzt auch mal an...

  3. Gurdi (Krauti)
    Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

    Da dreht sich mir Morgens direkt mal der Magen um...

    Wirklich ein Trauerspiel, die Begründung ist ja herrlich "Man muss das aber im Kontext des Kalten Krieges und der Demokratisierung Deutschlands sehen. Es war ein gemeinsames politisches Projekt." Der Satz trifft wohl auf so ziemlich jeder Aktion der Amerikaner zu von Anno 1947 bis 1990. Etwaige Kollaterlatschäden eingeschlossen.... Dass man dann damals noch Pläne zur Liquidierung von SPD Mitgliedern in der Schublade hatte, da diese vermeintlich mit den Sowjets kollaborieren könnten im Falle einer Invasion, stört dann auch nicht mehr weiter.

    1. Hauke Friederichs
      Hauke Friederichs · vor mehr als einem Jahr

      Dann dürfte Ihnne ein Interview auf NDR Info keine bessere Laune bereiten:.Der Sender kündigt es so an: "200.000 Mark von der CIA an Willy Brandt in den 50er Jahren - Klaus von Dohnanyi wundert das nicht: das "war üblich, nicht verwerflich" und "findet noch heute statt"."
      www.ndr.de/info/CIA-...

    2. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @Hauke Friederichs Das war ja mal eindeutig von Dohnanyi... allgemeine Praxis, heute noch üblich, das kaufen von Presse....na Hurra.

    3. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @Hauke Friederichs Danke für den Tip :)
      Dohnanyi ist meiner Meinung nach recht gut im Bilde und lässt dass gerne auch mal durchblicken. Ich erinenr mich an ein Phönix Dialog wo er wörtlich sagte dass die Amerikaner Europa lediglich als Euro-Asiatischen Brückenkopf nutzen und dass die EU stärker Ihre Interessensphäre schützen sollte. Er bezog sich auch Brzezinski dessen Buch ich auch gelesen hab, sehr aufschlussreich wie ich finde. Das ganze passt ins Bild und verwundert im Grunde kaum.