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Zeit und Geschichte

Hauke Friederichs
Journalist
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piqer: Hauke Friederichs
Dienstag, 26.07.2016

Prediger oder Putschist? Wer ist Fethullah Gülen

Massenverhaftungen, Schläge gegen die freie Presse, gegen die Justiz, gegen Lehrer und andere Akademiker. Nach dem Militärputsch in der Türkei geht Präsident Recep T. Erdogan weiterhin hart gegen alle seine echten und vermuteten Gegner vor. Vor allem Anhänger der Gülen-Bewegung will die AKP dauerhaft ausschalten. Doch steckt der Prediger Fethullah Glen wirklich hinter dem gescheiterten Putschversuch? Was will seine Bewegung eigentlich? Welche politischen Ziele verfolgt der in den Vereinigten Staaten im Exil lebende Geistliche?

Antworten auf diese Fragen gibt eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik aus Berlin, die bereits vor drei Jahren veröffentlicht wurde. Deren Autor Günter Seufert hebt die Bedeutung der Bewegung hervor: Sie sei die größte nichtamtliche Strömung im türkischen Islam. „In Westeuropa gilt sie als die am schnellsten wachsende religiöse Gemeinde unter Bürgern mit türkischen Wurzeln. Allein in Deutschland betreiben circa 300 Vereine, die Gülen nahe stehen, 24 staatlich anerkannte Privatschulen und etwa 150 außerschulische Nachhilfeeinrichtungen." 

Einflussreich ist Gülen — und das auch ohne Putsch. Er selber hat erlebt, wie das Militär 1971 in der Türkei nach der Macht griff. „Unter den Festgenommenen befand sich auch Fethullah Gülen. Man klagte ihn der »Ausbeutung religiöser Gefühle für eigennützige und politische Zwecke« an", schreibt Seufert. „Trotzdem konnte Gülen später der Intervention des Militärs positive Seiten abgewinnen: »Viele Anführer der Linken fanden damals ihre wohlverdiente Strafe. Muslime wurden meist nur festgenommen, um eine Art Balance [zwischen der Verfolgung der Linken und der Rechten] zu halten.«"  

Dank einer Amnestie kam Gülen schnell wieder aus der Haft frei. Und im Februar 1972 durfte er wieder predigen. Nun wuchs die Zahl seiner Anhänger rasch. Er und seine Mitstreiter gründeten Stiftungen und Vereine, die bald Einfluss auf das öffentliche Leben in der Türkei gewannen. 1980 verteidigte er öffentlich einen weiteren Militärputsch – und wurde im Gegenzug von den neuen Machthabern gefördert. Erst 1997 wurde dem Militär Gülens Einfluss zu groß. Es begann eine Kampagne gegen seine Bewegung. Zwei Jahre später floh er in die USA.

Gülen steht für eine „Ablehnung der Verwestlichung und aller damit zusammenhängenden Sozialnormen und Lebensstile, die Verdammung der »Verwestlicher« im eigenen Land, die Verklärung des Osmanischen Reiches als türkisch-muslimische Großmacht und als Avantgarde der islamischen Welt, das Ressentiment gegen Nichtmuslime, besonders Christen, die Prämisse, dass die türkische Nation ohne den Islam nicht gedacht werden könne, mit all den politischen Extrapolationen dieses Konzepts einer Religionsnation, und – was vielleicht am wichtigsten ist - ­ die Vorstellung, dass sich die muslimischen Türken einer sittlich-moralischen Erneuerung unterziehen müssen", fasst Seufert von der SWP zusammen. 

Damit gibt es in der Weltsicht von Gülen und seinen Anhängern durchaus große Überschneidungen mit Erdogans Partei. Dennoch kam es, nach der Regierungsübernahme durch die AKP zunehmend zu Konflikten zwischen Erdogan und Gülen. „Dass die Anhängerschaft Gülens auf eine konfrontative Haltung gegenüber der Regierung umschwenkte, kam für Außenstehende vollkommen überraschend, denn jede noch so stark in der Bürokratie verankerte gesellschaftliche Kraft kann ohne den Rückhalt des Militärs der Regierung nicht wirklich gefährlich werden", stellt Seufert fest. „Man spricht deshalb bereits vom politischen Selbstmord der Bewegung."

Der Konflikt zwischen Gülen und Erdogan war schon Jahre vor dem gescheiterten Putsch eskaliert: Nun scheint es so, dass der Präsident den Einfluss des Predigers endgültig zurückdrängen will – und ihm dabei jegliches Mittel Recht ist. In einem Interview mit der ARD verteidigte Erdogan gestern erneut eine mögliche Einführung der Todesstrafe.

Prediger oder Putschist? Wer ist Fethullah Gülen
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Kommentare 4
  1. Gurdi (Krauti)
    Gurdi (Krauti) · vor etwa einem Jahr

    Auf Ihre PIQS kann man sich verlassen. Diese sind stets neutral gefasst und haben einen informativen Wert.

    Ich selbst tue mich ein wenig schwer mit der Gülen Bewegung. Ich tendiere aktuell zu der These dass der Westen bewust mit Gülen paktiert, weil seine Ausrichtung des Glaubens als nützliches Element der Integration des Islams ins westliche Gebilde passt.

    Das mag prinzipiell nicht schlecht sein, brigt aber einige Risiken.Man hat sich schon des öfteren die Finger an solchen Zeitgenossen verbrannt und wusste diese nachher nicht mehr einzufangen.

    Anderereseits sind kompatible, alternative Strukturen in der Islamischen Welt mangelware. Die Wahabiten und die Muslimbrüder sind nicht all zu beliebt, die Ahmadiya Muslim nehmen eine ähnliche Funktion ein wie die Gülen Bewegung habe ich den Eindruck.

    Heikel wird es, wenn man solche Bewegungen für sukzessive Umstürze und politische Zwecke missbraucht. Man bewegt sich hier auf einem schmalen Grad, der aber ehrlicher Weise auch kaum Alternativen aufzeigt. Schwer sich da für eine Vorgehesweise zu begeistern.

    1. Hauke Friederichs
      Hauke Friederichs · vor etwa einem Jahr

      Vielen Dank! Ob Institutionen in den USA oder Europa mit Gülen zusammenarbeiten, um einen Politikwechsel in der Türkei zu bewirken, weiß ich nicht. Immerhin ist seine Bewegung gegen jede Verwestlichung...

    2. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor etwa einem Jahr

      @Hauke Friederichs Dass muss jetzt nicht unbedingt mit der Türkei in Verbindung gebracht werden, aber der Westen sucht händeringend nach Möglichkeiten die Kulturellen und Religiösen Aspekte der Muslime in sein Gesellschaftsmodell zu integrieren.

      Gegen jede Verwestlichung scheint mir eher Makulatur zu sein. Auch die SWP stellt in Ihrem Fazit eine klare Kooperationsempfehlung aus.

    3. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor etwa einem Jahr

      @Gurdi (Krauti) Ich blicke übrigens aktuell auch nicht wirklich durch, der Putsch und die Verquickungen mit Gülen sind extrem undurchsichtig. Das Thema ist wirklich ne harte Nuss.Ohne Leaks oder gute investigativ Reportagen tappen alle im dunkeln.